Das hat es noch nie gegeben: die Uraufführung eines neuen Stücks von Pina Bausch am Tanztheater Wuppertal - und es heißt nicht "Tanzabend I" oder "II", bis es nach ein paar weiteren Proben-Wochen den endgültigen Titel findet. Am 11. Mai gibt es im Schauspielhaus unter der Schwebebahn zwar kein Programmheft, aber einen Besetzungs-Zettel - samt Titel: "Nur du". Vor der Pause, gegen 21.15 Uhr, wissen wir, weshalb. Aus den Lautsprechern dröhnt der Fünfziger-Jahre-Schlager: "Only you". Dazu bewegt sich das ganze Ensemble in einem der schönen Gruppen-Tänze, wie sie nur Pina Bausch in so sicherer Balance halten kann zwischen klassischem Ballett und Revue, Tanztheater und Music-Hall. Dies ist das wahre Finale.

Das hat es noch nie gegeben: ein Ensemble von zweiundzwanzig Tänzern - und rund vierzehn "Gästen", die als Statisten falsch bezeichnet wären, wenn sie in der großen Hemden-Bügel- oder Schuhputz-Szene die Bühne bevölkern, auf die Peter Pabst mächtige Baumstämme stellt.

Hat die so diszipliniert und bescheiden arbeitende Tanz-Meisterin in Amerika, wo sie in der Zusammenarbeit mit vier Universitäten das neue Stück erdacht und komponiert hat, der Größenwahn befallen?

Sie ist wohl einfach noch nicht fertig geworden mit der Überfülle an Material. Bis zur Pause: schöne Folge von Solo-Tänzen, oft (fast) im Stehen, mit wild und weit ausgreifenden, tanzenden Armen, Händen, Haaren und traurigen oder heiteren Ensembles. Danach zerflattert ein Stück, das in ein paar Wochen sicher anders aussehen wird.

Wiederholungen - noch ohne Steigerung oder Intensivierung. Noch kein Gespür für den Rhythmus-Wechsel, für das bei einer Suite von Miniaturen nötige Timing. Denn auch das hat es noch nie gegeben, daß ein Stück von Pina Bausch fast vier Stunden dauert.

Wieder zu entdecken: die melancholische oder groteske Zerstörung aller Wahrscheinlichkeit, damit Sicherheit. Das ganze Ensemble liegt auf dem Boden und tanzt im Liegen oder auf allen vieren.

Minuten-Tragödien der Sehnsucht: Dominique Mercy streut aus den Hosentaschen Sand, tritt barfuß in die winzige Düne, schüttelt eine Wasserflasche (Meeresrauschen), spritzt sich aus einer Blumenspray-Tüte Tropfen ins Gesicht (Gischt) - und ist glücklich. Eine Frau balanciert, mühselig, über die bereitwillig als Wandelbahn ausgestreckten Unterarme vieler Männer. Dazu die besonders nachdenklich stimmenden Bilder ohne Pointe. Jan Minarik trägt den (auf dieser Seite abgebildeten) Rainer Behr in immergleicher Pose der - ausweichenden - Regina Advento nach. Mal liegt das Paar gegen-, mal hinter-, mal nebeneinander.