DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, mit welchen Erwartungen besuchen Sie Deutschland?

Mesut Yilmaz: Ich denke, daß die bilateralen Beziehungen auf politischer, wirtschaftlicher und technologischer Ebene vertieft werden könnten.

Wir sind auch daran interessiert, die Kooperationsmöglichkeiten im Rahmen der EU auszubauen. Unser Ziel ist die Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union. Überall hören wir, das Haupthindernis hierfür sei die Haltung Deutschlands, nicht etwa Griechenlands.

Unsere Mitgliedschaft in der Zollunion seit Beginn des Jahres verlangt von uns eine große Opferbereitschaft. Obwohl wir unseren Markt vollständig der EU geöffnet haben, gibt es für uns keinerlei Konzessionen. Seit 1981 haben wir nicht einen Pfennig erhalten, während Griechenland Finanzhilfen in Höhe von dreißig Milliarden Ecu bekam.

Ich bin Realist: Unsere schwierige Wirtschaftslage erlaubt keine EU-Vollmitgliedschaft in diesem oder im nächsten Jahr. Aber für die Zukunft brauchen wir eine Perspektive. Das Thema Freizügigkeit der Arbeitskräfte, das besonders in Deutschland Vorbehalte auslöst, ist ohnehin für lange Zeit vom Tisch.

ZEIT: Glauben Sie, daß die Türkei für Bonn und Europa ein verläßlicher Partner ist? Ihre Regierung ist noch keine zwei Monate im Amt und droht bereits auseinanderzubrechen. Gegen ihre Koalitionspartnerin Tansu çiller werden schwere Korruptionsvorwürfe erhoben.

Yilmaz: Die von mir geführte Mutterlandspartei und Tansu çillers Partei des Rechten Weges bekämpfen sich seit zwölf Jahren. Man kann nicht erwarten, daß diese zwei Erzrivalen innerhalb von ein oder zwei Monaten eine harmonische Regierungskoalition bilden.