Jeden Morgen, nachdem sie die Stechuhr bedient hat, frühstückt Marion Rahm erst einmal ausgiebig mit ihren rund dreißig Kolleginnen.

Dann lesen die Frauen Zeitung, manche packen ihre Häkel- oder Strickarbeiten aus, andere spielen Karten. Nur eines tun die Arbeiterinnen nicht: arbeiten. Dennoch erhalten sie regelmäßig ihren Lohn. Doch was da nach paradiesischen Zuständen klingt, ist in Wirklichkeit Psychoterror.

Als die Betriebsratsvorsitzende Marion Rahm hier anfing, hieß ihr Arbeitgeber noch Birko Schuhtechnik GmbH. Der Betrieb im rheinland- pfälzischen Sankt Katharinen war mit 700 Beschäftigten die größte Tochtergesellschaft des Sandalenherstellers Birkenstock. Die übrigen 1300 Mitarbeiter des Unternehmens mit Stammsitz im nahe gelegenen Bad Honnef verteilen sich auf sechs weitere Standorte in Deutschland.

Seit kurzem heißt Birko "DeP". Das Kürzel steht für "Durchführung einfacher Produktionsarbeiten" - was ein Euphemismus ist: Seit Dezember gibt ihr Arbeitgeber den Frauen keine Arbeit mehr.

Angefangen hat alles im April 1993, als die Birko-Beschäftigten erstmals in der 220jährigen Geschichte des Familienunternehmens einen Betriebsrat wählten. Erste Anläufe dazu in den achtziger Jahren konnte Firmenpatriarch Karl Birkenstock noch unterbinden.

Nachdem dessen drei Söhne in den vergangenen Jahren jedoch nach und nach Führungsaufgaben übernahmen, verschlechterte sich das Betriebsklima.

Die ersten Forderungen des neuen Betriebsrats waren indes moderat: Die Erste-Hilfe-Schränke sollten vorschriftsmäßig ausgerüstet und vor der Kantine sollten Pausenbänke aufgestellt werden. Außerdem wurde ein gerechteres Prämiensystem als bisher verlangt. Und "nur mal angesprochen", keineswegs gefordert habe man gleiche Bezahlung für Frauen und Männer, erinnert sich die Betriebsrätin Marie-Claire Melchert.