In einigen Tagen, am 20. Mai, wäre Wolfgang Borchert ("Draußen vor der Tür") 75 Jahre alt geworden. Kurz nach seiner Heimkehr aus dem Krieg gab es eine Episode, über die noch kein Biograph berichtet hat - vielleicht, weil sie nicht den Schriftsteller, sondern den Schauspieler Borchert betrifft, vermutlich aber, weil es ein zwar exklusives, aber kein spektakuläres Ereignis war.

Unser Autor war dabei und erinnert sich bruchstückhaft.

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Wir hatten das Sein gewählt, ohne Wenn und Aber, wir glaubten an die Macht der Vernunft, an individuelle Freiheit, Gerechtigkeit und dauerhaften Frieden, obwohl wir in unserem Leben diese Ideale allenfalls als Lesebuchutopien kennengelernt hatten, die Gegenwart trostloses Vegetieren war und die Zukunft scheinbar so unabänderlich düster, daß unsere optimistische Antwort auf Hamlets berühmte Frage der Hunger- und Ruinenwirklichkeit des Spätsommers 1945 bei nüchterner Betrachtung hohnsprach. Niemand von uns aber wollte das Perpetuum mobile des Alltagsjammers ausschließlich nüchtern betrachten. Wir jungen Kriegsheimkehrer hatten die unumschränkte Herrschaft barbarischer Niedertracht, Völkermord und Naziterror überlebt und waren dankbar entschlossen, fortan nur noch dem Vorbild der Antigone zu folgen: "nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da", auf daß aus Trümmern und Brache neues, besseres Leben erblühe. Nie mehr sollte geschehen, was Marc Anton in einem anderen Shakespeare-Drama am Grabe Cäsars beklagt: "O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh - der Mensch ward unvernünftig."

Marc Antons Grabrede war die Gewissensprobe des Shakespeare-Abends im Musiksalon der Jugenstilvilla Langenhegen 18 im Hamburger Elbvorort Nienstedten. Das Rom des Jahres 44 vor Christus lag für Minuten an der Elbe, suggeriert von den Augen eines jungen Schauspielers. Es waren sanfte, dunkle Augen, die jäh, von einem Vers zum anderen, die Spießbürger das Fürchten lehren konnten.

Kein Platz am Rande ließ mir Zeit zur Muße, die geladenen Gäste zu beobachten, wie einige von ihnen unter dem Peitschenhieb des "blöden Viehs" zusammenzuckten, wie sich Betroffenheit in den Gesichtern spiegelte. Die Rede an die Bürger Roms - eine Rede an die noch eimal davongekommenen Volks- und Parteigenossen, im Jahre der bedingungslosen Kapitulation 1945.

Keine Chronik nennt das Datum, es gibt auch kein Programm, keine Notiz, es gibt nur die Erinnerung, fragmentarisch, bruchstückhaft.

Dem Protagonisten des Abends zu späten Ehren sollen wenigstens die Bruchstücke hier festgehalten werden: Hamletmonolog, Marc Antons Grabrede, das Balkongeturtel aus Romeo und Julia ...