Peter Bender: Episode oder Epoche?

Zur Geschichte des geteilten Deutschland; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996; 289 S., 24,90 DM

Jetzt wachse zusammen, was zusammengehöre - hatte Willy Brandt am Tage nach dem Fall der Mauer den Berlinern zugerufen. Tatsächlich hat sich das "Zusammenwachsen" als ein außerordentlich schwieriges Unternehmen erwiesen. Kaum hatten sich die Nebel der Feuerwerke verzogen und waren die Sektgläser geleert, machte sich Ernüchterung breit. Ein halbes Jahrhundert Trennung ist eben mehr als eine Episode; und die Geschichte des geteilten Deutschland war die Geschichte zweier getrennter, mit der Zeit immer weiter auseinanderlaufender Wege.

Peter Bender, der die "Neue Ostpolitik" publizistisch mit Engagement begleitet und ihr 1986 eine vorzügliche Überblicksdarstellung gewidmet hat, zeichnet beide Wege nach, besonders eindringlich den der DDR. Um äußerste Fairneß bemüht und offensichtlich mit Blick auf die derzeitigen Schwierigkeiten vieler ihrer ehemaligen Bürger, schießt er allerdings gelegentlich übers Ziel hinaus: War Ulbricht wirklich der Adenauer der DDR - "überragender Politiker", "Realist" und "Vater" der ostdeutschen Republik?

Benders höchst lesenswerter Essay ist keine historische Darstellung im klassischen Sinne, sondern ein Versuch, das Problem durch Fragen einzukreisen: Wie gingen Bonn und Ost-Berlin mit der gemeinsamen Geschichte, vor allem mit der gemeinsamen Schuld um? Wie emanzipierten sich die beiden Staaten von ihren Schutzmächten? Wie richteten sich die Deutschen West und die Deutschen Ost in der Teilung ein?

Die Antworten gibt Bender in vier, jeweils chronologisch aufgebauten Kapiteln. So kann man nur vorgehen, wenn man die Materie souverän beherrscht.

Das Buch liest sich leicht. Der Autor ist von Hause Journalist und versteht sein Handwerk. Manche seiner einschlägigen Formulierungen dürfte man in Zukunft häufiger zitiert finden. Mit einem starken Hang zur Originalität, der auf den Leser gelegentlich ermüdend wirkt, zeigt Bender, warum und wie Bonn "sich selbst" hinderte, die DDR hingegen "gehindert" wurde: "Die Bundesrepublik wurde mit galoppierender Modernität konfrontiert, die DDR mit allgemeiner Zurückgebliebenheit. Die Bundesrepublik war ... zum Fortschritt genötigt, die DDR zum Rückschritt gezwungen ... Die einen konnten überzeugend reden, die anderen vielsagend schweigen. Die einen mußten auffallen, um voranzukommen, die anderen durften nicht auffallen, wenn sie in ihrem Beruf weiterkommen wollten."