Der Rinderwahn brachte Punkte. Zwei Jahre früher als die anderen Europäer wollten die Deutschen die Einfuhr von britischem Rindfleisch stoppen - und wurden als Angsthasen in Brüssel verlacht. Jetzt, da die Übertragung von BSE auf den Menschen als immer wahrscheinlicher gilt, stehen die Bonner Politiker als verbraucherfreundliche Musterknaben da.

Doch das Bild trügt. Zwar forderte die Bundesregierung bei BSE mehr Schutz für die deutschen Konsumenten. Und auch bei der Bestrahlung von Lebensmitteln oder bei Novel food wollen die Deutschen etwas strenger sein als andere Europäer. Doch die Kritik an Details ist zwar publikumswirksam, täuscht aber darüber hinweg, daß sich die Bonner Politiker in der Regel eher zurückhalten, wenn es um Verbraucherschutz geht. Bei den meisten Regelungen, die in den vergangenen zehn Jahren zum Schutz der Konsumenten verabschiedet wurden, ging die Initiative von Brüsseler Behörden aus. "Ich kenne kaum Beispiele im Verbraucherschutz, wo deutsche Regelungen vorher besser waren, als es jetzt die europäischen sind", behauptet Dagmar Roth-Behrendt, verbraucherpolitische Sprecherin der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Selbst bei Nahrungsmitteln, auf deren Qualität die Deutschen besonderen Wert legen, führte die Europäische Gemeinschaft oft neue oder strengere Regelungen ein. So haben zunächst die Europäer - und nicht die Deutschen - strenge Werte für Trinkwasser festgelegt und die Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Obst und Gemüse strikter limitiert. In Brüssel wurde ein Hormonverbot für Milchkühe durchgesetzt, und erst Brüssel bestimmte, daß auf verpackten Lebensmitteln Zutaten und Haltbarkeit angegeben sein müssen.

Nur selten wurden strenge deutsche Regeln durch die Europäer aufgeweicht.

Gegen deutschen Wunsch wird demnächst der Handel mit bestrahlten Gewürzen europaweit erlaubt. Nur zähneknirschend akzeptierte die Regierung eine lange Liste von europaweit erlaubten Zusatzstoffen, von denen einige zuvor in anderen EG-Ländern, nicht aber in Deutschland zugelassen waren. Doch den anderen Europäern ging es ähnlich.

"Die lange Liste war eben ein Zugeständnis aller an das gemeinsame Europa", meint Dagmar Roth-Behrendt. "Deshalb aber ist deutsches Essen nicht schlechter geworden."

Seit den siebziger Jahren schon verspricht die Europäische Gemeinschaft, die Bürger vor einer Gefährdung ihrer Gesundheit und Sicherheit zu bewahren. Doch zunächst gab es kaum handfeste Ergebnisse. Erst nach der Verabschiedung der Einheitlichen Europäischen Akte 1987 bekam der Verbraucherschutz in Brüssel mehr politisches Gewicht.

In der Akte verlangten die Mitgliedsstaaten bei der Entwicklung des Binnenmarktes einen hohen Verbraucherschutz. Vor allem der damals zuständige EU-Kommissar Karel Van Miert brachte mehrere wegweisende Richtlinien auf den Weg. Von Athen bis Kopenhagen sollten die Verbraucher neue Rechte bekommen.