Nun ist er an seinem 75. Geburtstag doch noch voll im Geschirr, und ich bin ein wenig stolz, daß ich mithelfen konnte, ihn dazu zu überreden, denn eigentlich wollte Karl Dedecius sich längst in den verdienten Ruhestand zurückziehen.

Aber ohne ihn, den absolut einzigartigen Mittler zwischen Deutschland und Polen, wäre das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt ganz verloren. Unter seiner Führung hat das 1980 eröffnete Institut ein außerordentlich ehrgeiziges Programm entwickelt und bisher sogar übererfüllt.

Die "Polnische Bibliothek" - fünfzig Bände einer Auswahl, die vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert reicht - ist bereits fertiggestellt.

(Die Hälfte der Bände behandelt die Zeit vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, die andere Hälfte das 20. Jahrhundert.) Fachleute aus beiden Ländern haben die Auswahl getroffen, die ein Spiegelbild der geistigen Entwicklung Polens vermittelt.

Ferner steht auf dem Programm ein sehr spezielles Handbuch der Literatur des 20. Jahrhunderts, das auf sieben Bände angelegt ist, von denen vier bereits fertiggestellt worden sind. Schließlich veranstaltet das Institut regelmäßig Vorträge und Ausstellungen in beiden Ländern, auch lädt es polnische Verleger und Übersetzer nach Deutschland ein und betreut sie hier. Noch nie sind die Wurzeln polnischer Kultur und Dichtung so kenntnisreich, sensibel und behutsam dargestellt worden.

Für die Polen ist Dichtung etwas Existentielles, denn Literatur ist für sie stets Geschichte und Heimat zugleich gewesen. Das hängt mit ihrem historischen Schicksal zusammen, mit der immer wieder geteilten Existenz - geteilt zwischen ganz verschiedenartigen Kulturen: zwischen den orthodoxen, dem Osten verhafteten Russen, den katholischen, urbanen Habsburgern und den protestantischen, ordnungsfanatischen Preußen. Da bleiben nur Sprache und Kirche als Heimat.

Wieso gerade Dedecius? Weil sein Leben exemplarisch ist für die Aufgabe, die das Schicksal und er selber sich gestellt haben.