Einen unterhaltsamen TV-Abend hatte mir mein Schweizer Freund gewünscht, als er mir das Büchlein in die Hand drückte. Und in der Tat: Dies ist kein Buch zum Lesen - es sind eher dreißig schrille Videoclips, die da zwischen zwei Buchdeckel gepreßt sind. Kein Augenschmaus für Analphabeten allerdings, sondern doch eher eine Delikatesse für kulturkritische Intellektuelle, die sich endlich einmal wieder einen fernsehfreien Abend gönnen möchten und doch von ihrer Droge nicht lassen können.

Wer sich auf Franzetti einläßt, darf einmal quer durch Italiens Fernsehlandschaft zappen, Anekdotisches und Abgründiges über den Medienmogul Silvio Berlusconi erfahren und zugleich bitterböse Blicke hinter die Kulissen des Medienbetriebs werfen - nicht nur südlich, sondern auch nördlich der Alpen. Denn der in Rom beheimatete Autor arbeitet als Korrespondent für den Zürcher Tages-Anzeiger und ist so mit den Fernsehverhältnissen im Reich von Kirch & Bertelsmann kaum minder vertraut als mit denen in "Berluslandia". Doch im Gegensatz zu den notorischen Kulturkritikern, die uns voller Schwermut den Untergang des Abendlandes verheißen, kommt Franzetti leichtfüßig, spöttisch und mit so viel Schmonzes daher, daß sein Horrortrip zum infernalischen Lesevergnügen wird. Bildergläubig, wie wir alle sind, nehmen wir ihm schließlich ab, daß die Fernbedienung, die dem Zuschauer "das Umschalten von einem Kanal zum anderen in Sekundenschnelle erlaubt, ²²²mehr als alles andere zur Spektakularisierung und zur permanenten Clownerie beigetragen" hat; daß die Sendungen "immer mehr einem rasenden Luna-Park gleichen"; daß "es genügt, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen". Das Fernsehen, so prophezeit uns Franzetti, werde sich "dabei nicht ab-, sondern aus der Welt schaffen".

Und was hat es mit der "Sardinennacht" auf sich? Eine mögliche Assoziation vermittelt die Karikatur auf dem Cover. Über die zweite Variante sei nicht mehr verraten, als daß es sich um eine für das Fernsehen nachgestellte Szene aus dem politischen Alltag Italiens handelt - um einen von tausend Tabubrüchen eben, mit denen sich das Fernsehen mangels funktionierender Selbstkontrolle immer unmöglicher macht.

Dante Andrea Franzetti: Die Sardinennacht

Dreißig Fernsehschnitte aus dem Zeitalter Berlusconi;

Elster Verlag, Baden-Baden und Zürich 1996