Paris als erste Station der Menzel-Ausstellung, vor Washington und Berlin? Tatsächlich war Menzel der bekannteste und am meisten geehrte deutsche Künstler des 19. Jahrhunderts in Frankreich.

Wer bei uns seinen Namen nennt, denkt an das lichte Berliner Balkonzimmer mit dem wehenden Vorhang, das seit Julius Meier-Graefe als Ikone des Impressionismus gilt. Franzosen bezeichnen als ihr Lieblingsbild spontan die schlafende Schwester Emilie von 1848, Inbegriff eines intimen, fast voyeurhaften Realismus. Menzels Blick ist derjenige eines detailbesessenen, die Wirklichkeit ausspürenden Kurzsichtigen, wie Jule Laforgue 1884 feststellte. Vier Jahre vorher hatte der Kritiker Edmond Duranty den Deutschen zum Kronzeugen des zeitgemäßen Realismus a la Manet erhoben und ihm la névrose du vrai, den quasi neurotischen Zwang zur Wahrheit, bescheinigt. Durantys Menzel-Aufsatz erschien in zwei Folgen der Gazette des Beaux-Arts und liegt zur Ausstellung als kleines Buch vor, das eine deutsche Ausgabe verdiente.

Als dieser Text publiziert wurde, war Menzel in Paris eine Berühmtheit.

Er kam zu den Weltausstellungen von 1855 und 1867, um auf Einladung des Salons seine Bilder zu zeigen. 1868 hielt er sich neun Wochen in Paris auf, bewunderte Courbet, die Maler von Barbizon, freundete sich mit Ernest Meissonier an. Das tobende Leben der Großstadt und ihrer Menge schlug sich in Bildern von Straßen, Parks und Theateraufführungen nieder, deren kühne Anschnitte, Lichtführung und atomisierte Fülle kontradiktorischer Sinneseindrücke revolutionär erschienen, sofern sie nicht abstießen. Die von Einzelheiten überforderte, kaum mehr zusammenzuhaltende Wahrnehmung war fortan Menzels Problem.

Für das friderizianische Gemälde "Die Schlacht von Hochkirch" erhielt er 1867 im Salon eine zweite Medaille. 1878 wurde sein "Eisenwalzwerk" trotz des frostigen politischen Klimas zur künstlerischen Sensation am Rande der Weltausstellung. Und 1885 fand im Pavillon der Stadt Paris in den Tuilerien eine Menzel-Retrospektive mit fast vierhundert Nummern statt. Die zahlreichen Zeichnungen wurden allseits bestaunt, während die Bilder umstrittener waren. Edgar Degas allerdings faszinierten sie derart, daß er spontan und aus dem Gedächtnis eine Replik des "Ballsouper" malte. Sie zeigt den Unterschied in der Auffassung. Während der Betrachter Menzels Bild sukzessiv von einer Gruppe zur anderen durchwandert, prägt sich ihm Degas' Fassung auf den ersten Licht-Blick ein.

Original und Kopie hängen nebeneinander in der faszinierend konzentrierten Menzel-Ausstellung, die das Musée d'Orsay in enger Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie und dem Kupferstichkabinett in Berlin veranstaltet. 47 Bilder und an die 100 Gouachen und Zeichnungen belegen die Singularität Menzels, der Baudelaires Forderung nach einer Kunst des modernen Lebens wohl am ehesten eingelöst hat: privat und öffentlich, in Gegenwart und Geschichte, wobei Menzel immer das zeitgenössische Historienbild im Sinn behielt. Die Spannweite reicht vom Biedermeier und von dem großen Friedrich über den Einbruch von Verkehr und Technik bis zur Wiedergabe von Kleidungsstücken, Statuenabgüssen und toten Leibern, die sich unter Menzels Blick animistisch zu beleben scheinen. Giovanni Boldini hat den Künstler 1895 ganz als Späher und Spion portraitiert, den die scharfe Brille zum Mikroskopierer seiner Umwelt macht. Das Bild hängt am Ende der gelobten und gut besuchten Ausstellung im Musée d'Orsay (bis zum 28. Juni; Katalog 350 Franc).