Die Kunst an den Rand des Lebens zu bringen" war die Absicht von Michelangelo Pistoletto, als er in den sechziger Jahren Siebdrucke auf Spiegel montierte. Im Spiegel hatte Pistoletto die Zauberformel gefunden, mit der sich Raum und Zeit, Stillstand und Bewegung, Subjekt und Objekt, Betrachter und Werk in einem klassischen, das heißt statischen Kunstwerk vereinen lassen. Die Verschmelzung von Kunstwerk und Betrachter ist ein immer wieder neuer Vorgang, Arbeiten von Pistoletto können also nie veralten, sofern sie mit Sorgfalt installiert sind.

Am besten macht das der Künstler selbst, wie jetzt im unterirdischen Kunstbau, wo ihm unter dem Titel "Memoria Intelligentia Praevidentia" eine großartige Inszenierung gelungen ist. Der Ausstellungsraum folgt schon durch seine architektonische Struktur der Maxime der aufgehobenen Grenze zwischen Kunst und Leben, weil er sich durch seine riesigen Glasfenster an beiden Enden in die Aufgänge des U-Bahnhofes Königsplatz öffnet. Pistoletto setzt an diese beiden strategisch wichtigen Punkte einmal seine berühmte "Venus der Lumpen" von 1967, die über ihren Klamottenberg hinaus auf die Rolltreppenlandschaft blickt; am anderen Ende, mehr als hundert Meter entfernt, ist die "Garderobe" (1968-1995) installiert, ein Kleiderberg ohne Venus mit Garderobenständer, und ihr benachbart der "Etrusker" von 1976, der seine eigene Figur im Spiegel berührt.

Hier, wo der Raum sichtbar zu Ende ist, öffnet ihn Pistoletto durch Spiegelung.

Zwischen Venus und Klamotten, Etrusker und Garderobenständer, Rolltreppe und Spiegelung inszeniert Pistoletto seine Retrospektive, die herkömmlichen Erwartungen an dieses Genre nicht nachkommt, dafür ein Erlebnis eigener Art bietet.

Der Spiegel: Für Pistoletto ist seine Projektionsfähigkeit auch eine Integrationskraft. In ihm können wir unsere Existenz real und fiktional erfahren und uns in einem geistigen und wirklichen Raum gleichzeitig bewegen, können Trennungen aufheben. Der Spiegel ist und bleibt das Zentrum seiner Arbeit. Bis hin zur Reduzierung oder Zerstörung dieses Mediums, dem doch nicht zu entkommen ist.

"About the Mirror" heißt eine neue, siebenteilige Installation, die Pistoletto für die Räume der Münchner Galerie Tanit entworfen hat: Spiegelfragmente in weißen Rahmen, die die Größe des ursprünglichen Spiegels haben, projizieren den Raum, sich selbst und den Besucher.

Und mit "Gabbia-Specchio", einem Käfig-Spiegel, der sich in vier Winkeln öffnet, führt er uns stufenweise in die Imagination von Unendlichkeit ein. Wenn wir nichts mehr sehen, der Käfig-Spiegel also geschlossen ist, ist diese am intensivsten. Mit "Ein Kubikmeter Unendlichkeit" hatte Pistoletto diese Erfahrung schon 1966 vorgeführt: Sechs Spiegel mit ihrer nach außen gekehrten blinden Seite, mit einem Maß von einem Meter mal einem Meter bilden einen Würfel.