Washington

Wer will an diesem Modell schon herumnörgeln? Es gibt Vollbeschäftigung, seit Jahren werden Monat für Monat über 200 000 neue Arbeitsplätze geschaffen, der Dollar steigt, die Inflation ist minimal. Amerika, du hast es wirklich besser. Oder doch nicht?

Eine leidenschaftliche Debatte ist in den Vereinigten Staaten ausgebrochen, und sie wird nicht nur in akademischen Zirkeln geführt.

Kann es, darf es so weitergehen mit dem ungezügelten Kapitalismus?

Lester Thurow, Wirtschaftsprofessor am renommierten Massachusetts Institute of Technology, vergleicht in seinem neuen Buch "The Future of Capitalism" den wirtschaftlichen Wandel mit den Bewegungen tektonischer Platten: Zunächst beinahe unmerkliche Verschiebungen lassen später Kontinente verschwinden und neue entstehen. Es stelle sich die Frage, wer nun die Gesetze des Welthandels neu schreibe.

Thurow fordert einen "neuen Kapitalismus", einen, in dem die erworbenen Fähigkeiten ("man-made brainpower") und nicht die Verfügungsgewalt über das Kapital den eigentlichen Vermögenswert darstellen sollen.

In den amerikanischen Massenblättern drückt sich eine tiefe Beunruhigung über die herrschenden Zustände schon in den Schlagzeilen aus: "Stagnierende Löhne", "Ungleichheit", "Arbeitsplatzunsicherheit", "Das Verschwinden der Mittelklasse". Das Blatt der Eliten, die New York Times, widmete dem Phänomen des Downsizing eine neunteilige Serie. Der Begriff kommt aus der Autoindustrie. Techniker prägten ihn, als die Giganten General Motors, Ford und Chrysler unter ihren eigenen Straßenkreuzern begraben wurden. Heute wird er als Euphemismus für Firmenverkleinerungen verwendet. Downsizing: Es kann jeden treffen - den Buchhalter, der seit zwanzig Jahren der Firma die Treue gehalten hat, den gerade erst eingestellten Topmanager, die Belegschaft eines ganzen Werks.