Nächste Woche kommt Nelson Mandela zum ersten Mal als Präsident Südafrikas nach Deutschland - vorausgesetzt die Turbulenzen zu Hause zwingen ihn nicht, die Reise zu verschieben. Er besucht ein Land, das nicht nur der wichtigste Wirtschaftspartner der Republik am Kap ist, sondern auch ein politisches Vorbild.

Verfassungsgericht, Bundesrat, Föderalismus, Streik- und Aussperrungsrecht, Tarifpartner- schaft, duale Berufsausbildung, Bausparkasse - vieles hat die Südafrikaner angeregt, einiges haben sie abgeschaut. Keiner demokratischen Verfassung der Welt ähnelt die unmittelbar vor Mandelas Visite angenommene constitution mehr als unserem Grundgesetz.

Kennzeichen D: Errungenschaften, die hierzulande zunehmend unter Beschuß geraten - etwa die Prinzipien des Sozialstaats -, gelten in der Fremde als Modelle. Immer noch.

Deutsche Fachleute waren die engagiertesten Ratgeber in Verfassungsfragen.

Die Friedrich- Ebert-Stiftung beriet den linken African National Congress (ANC), die Konrad-Adenauer-Stiftung die rechte Inkatha-Partei (IFP). Letztere zeigte sich indes nicht übermäßig gelehrig. Ein Verfassungsentwurf, der gemeinsam mit deutschen Staatsrechtsexperten ausgearbeitet worden war, landete im Papierkorb, Hunderttausende von Mark, vom deutschen Steuerzahler via Adenauer-Stiftung gespendet, waren zum Fenster hinausgeworfen.

Trotz der einen oder anderen Unschärfe: Die Südafrikaner haben sich eine mustergültige Verfassung geschenkt; euphorische Zeitgenossen halten sie sogar für die modernste unserer Zeit. Beispielhaft war vor allem die Art und Weise ihres Zustandekommens. Weit über zwei Millionen Vorschläge gingen bei der Verfassunggebenden Versammlung ein! Die versandte ihrerseits vier Millionen Verfassungsentwürfe ans Volk. Die Öffentlichkeit als gestaltende Kraft im Verfassungsprozeß - das nennt man lebendige Demokratie.

Am Ende betrachtete die Mehrheit der Südafrikaner den ausgehandelten Gesellschaftsvertrag als ihre Verfassung. Da könnten sich Länder, die konstitutionelle Fragen aus Angst vor den unberechenbaren Massen elitär entscheiden, eine Scheibe abschneiden.