Tief abgesunken liegt er im Brunnen meines Langzeitgedächtnisses.

Bei vielen Worten weiß ich noch ganz genau, wann und wo ich sie in meinen aktiven Wortschatz übernahm.

Katalysator: "Sag mal ganz schnell: Ka-ta-ly-sa-tor!" rief auf frühen Kindergeburtstagen der Ingenieur, der mich gezeugt hatte, in die Runde: Kata-lysator wurde mein allererstes Fremdwort sowie zum Inbegriff des Fremdworts überhaupt. (Dabei war es viel übersichtlicher gebaut und fehlerfreier aussprechbar als späte Abkömmlinge wie Feuilleton oder chthonisch.)

KABA: Morgens schwamm in meinem Haferflockenteller ein Plantagentrank: KABA. Auf jede Kindergartenzeichnung setzte ich das einzige Wort, das ich bereits vor meiner Einschulung schreiben konnte: KABA.

Monatelang kam kein weiteres Wort dazu. KABA, mein Erkennungszeichen, ein tägliches Signum, mein Zauberwort, meine kabbalistische Beweisgrundlage, daß ich jetzt schon schreiben konnte, lange bevor ich schreiben konnte. (Nachts kletterten links und rechts Strichmännchen dran hoch an meinem KABA.)

Esel: Mit sechs saß ich im Wohnzimmer vor meinem Täfelchen, sollte das Wort ESEL schreiben. Das E stand schon da. Doch das SEL ließ auf sich warten. Mutti sprach mir das SEL immer wieder vor, verriet aber nicht, wie man's schreibt. Draußen, hinter durchsonnter Gardine, spielten bereits alle Kinder im Hof, auch der noch lang nicht schulpflichtige Eberhard. Ich hielt das dauerhaft ausbleibende SEL für einen einzigen geheimnisvollen Buchstaben. Draußen wurde Roller gefahren. Ich klopfte alle mir bekannten Buchstaben der Reihe nach ab, aber SEL kam nicht. Draußen wurden Sandburgen gebaut.

Einsam stand das E da; ich klagte, jammerte, weinte und kam nicht drauf. Ich mußte mich mit dem Rücken zum Hof setzen, um nicht abgelenkt zu werden. (Schließlich verriet mir Mutti den Trick doch noch.)