Das übersetze mal einer: "There is a lot of gemütlichkeit going around." Wenn Jeff Bentoff, Bürgermeister von Milwaukee, so etwas sagt, hat er natürlich den 23. Mai im Auge. Da kommt, vom amerikanischen Präsidenten eingeladen, der deutsche Bundeskanzler.

Mit Helmut Kohl redet Bill Clinton immer gern, vor allem über Boris. Außerdem ist Wahlkampf, und da ist ein angesehener Freund zur Seite eine Menge wert - gerade in einem Staat wie Wisconsin.

Dort ist man konservativ und liberal, hat zwar den Demokraten Clinton ins Weiße Haus gewählt, aber auch einen Republikaner ins Gouverneursamt. Ein sozialistischer Bürgermeister konnte in Milwaukee walten, aber auch die antikommunistischen Treibjagden eines Joe McCarthy wurden geduldet. Die Bevölkerung von Wisconsin ist, wie auch die Bevölkerung von Milwaukee, zur Hälfte deutscher Abstammung.

Und das wird dem Bundeskanzler lieb sein, der ja immer auf der Suche nach dem emotionalen Unterfutter ist, ohne das, wie er fürchtet, die deutsch-amerikanischen Beziehungen austrocknen würden.

Wenn Amerikaner "Gemütlichkeit" sagen, meinen sie in erster Linie natürlich Gastlichkeit. Und eigentlich noch mehr das ganze deutsche Wesen, jedenfalls so, wie sie es sehen. Sie sehen es überwiegend in bajuwarischem Gewande. Auf alle Fälle in Lederhosen und abwechselnd schuhplattelnd oder Wurst essend. Frank Zeidler, der als letzter sozialistischer Bürgermeister von 1948 bis 1960 regierte, kann sich furchtbar darüber aufregen. Im Büro der Sozialistischen Partei, frierend, weil der Hauswirt den Strom abgeschaltet hat, vor einer klapprigen Schreibmaschine, unter dem Portrait des sozialistischen Gewerkschaftsführers Eugen Debs, redet sich der 83jährige in heiligen Zorn: Unmöglich, daß deutsches Erbe im Bewußtsein so vieler Zeitgenossen hauptsächlich als Essen, Trinken oder Trachtengruppe stattfindet!

Bayerisch sei fun, behauptet dagegen Debra Usinger, Chefin des Wurst und Schinken produzierenden Familienunternehmens in der vierten Generation. In Deutschland hat sich Debra ein Dirndl gekauft.

Sie erzählt es über dampfenden Kochwürsten, die seit Gründerzeiten als kostenloses Frühstück für die Arbeiter zum pädagogischen Arsenal der Firma gehören. "Das stärkt die Liebe zum Produkt", meint Debra, keineswegs mit einem Zwinkern hinter der Brille.