So lauten die Schlagzeilen: Alte Seuchen wie Pest, Cholera, Diphtherie und Tuberkulose kehren zurück; "neue" Krankheitskeime wie Ebola-Viren, aggressive Subtypen des Aids-Erregers, wahnsinnsauslösende BSE-Prionen (siehe nebenstehenden Artikel) oder die jetzt in Bayern grassierende EHEC-Bakterien bedrohen uns. Meist folgen den Warnungen Diskussionen, wie groß die Gefahr denn wirklich sei. Sie enden in der Regel unbefriedigend: Keiner weiß Genaues. Also einfach abwarten?

Es wäre fatal, wenn sich zunehmend Gleichgültigkeit breitmachte. Denn nach wie vor sind Infektionskrankheiten weltweit die häufigste Todesursache. Auch wenn vor allem die Ärmsten betroffen sind, dürfen wir uns nicht in die Wagenburg der Reichen zurückziehen und auf Impfstoffe, Antibiotika und High-Tech-Medizin vertrauen. Mindestens genauso wichtig ist das frühzeitige Erkennen von Seuchengefahren. Doch hierin gleichen wir Deutschen hochgerüsteten Rittern mit zugeklappten Visieren, die träge der nächsten Infektionswelle harren. Für beschränkte Sicht sorgt in hohem Maße das antiquierte Bundesseuchengesetz. Über dessen dringende Reformbedürftigkeit wird bereits seit Jahren geredet, jedoch mit einem einzigen Erfolg: Kein Arzt nimmt dieses Gesetz mehr ernst.

Zwei Beispiele verdeutlichen die Misere: Stichproben des Bundesgesundheitsministeriums haben ergeben, daß nahezu neun von zehn an Syphilis oder Gonorrhöe Erkrankten nicht gemeldet wurden - trotz klarer Vorschriften und hoher Strafandrohung. Bei den oft gefährlichen, im Mediengetöse viel zuwenig beachteten virusbedingten Leberentzündungen (siehe Seite 34) lag die Quote ungemeldeter Erkrankungen bei 84 Prozent. Die Gesundheitsämter dulden diesen Schlendrian.

Allerdings wäre es einäugig, nur Ärzten und Ämtern Vorwürfe zu machen, die Politiker schlafen ebenso. Denn wirre Gesetze selbst provozieren bereits ihren Bruch. So läßt sich niemandem plausibel machen, warum schon jeder Verdacht auf infektiösen Durchfall zu melden ist, während dies für eine Aids-Infektion nicht gilt. Das Seuchengesetz fordert die Meldung von Pocken (längst weltweit ausgerottet) oder der Ornithose (Papageienkrankheit, von Mensch zu Mensch nicht übertragbar), erwähnt aber viele Erreger nicht, etwa Hämophilus influenzae, der zu Hirnhautentzündungen bei Kleinkindern führt. Ein schlechter Witz, daß Küchenpersonal sich nur bei Berufsbeginn auf offene Tuberkulose, nässende Ekzeme und ansteckenden Stuhl untersuchen lassen muß und dann lebenslänglich walten darf. Schon nach dem nächsten Urlaub im Süden können Köche zur infektiösen Bedrohung werden.

Das Bundesseuchengesetz bedarf dringend der Entrümpelung. Vorbilder könnten Frankreich oder die Schweiz liefern. Künftig müssen auch unsere Ärzte wieder die erste wachsame Meldefront bilden - und dafür entsprechend entschädigt werden. Großes Gewicht sollte ferner auf der raschen Weitergabe von Labordaten liegen. Denn erst im Labor wird deutlich, welche konkreten Erreger vorliegen. Diese Daten sind so zu anonymisieren, daß Mißbrauch unterbleibt. Andererseits darf die Datenschutzwut nicht so weit gehen, daß mehrfache Untersuchungen der gleichen Person nicht mehr erkennbar sind, wie beispielsweise derzeit bei den HIV-Infektionen. Übertriebener Datenschutz macht das Aufspüren von Mehrfachmeldungen unmöglich - und verzerrt damit das Bild der Aids-Epidemie hierzulande. Franzosen und Schweizer haben "Wächterstationen" über das Land verteilt - ausgewählte Praxen oder Großlabors, die rasch und zuverlässig ihre neuesten Daten an eine Zentrale weitergeben. Dies erlaubt einen stets aktuellen Überblick über das epidemiologische Geschehen. Eine solche Reform könnte viel unnötiges Leid verhindern - denn die nächste Seuche kommt bestimmt.

Hans Schuh