Wer sehnt sich nicht nach etwas mehr Sicherheit? Gerade heute, da auf nichts mehr Verlaß ist? Weder auf den Dollar noch auf die Zinsen, nicht auf den Dax und auch nicht auf den Preis für Orangensaftkonzentrat. In ihrer Not bleibt der geplagten Kreatur nur die Terminbörse. Dort findet sie genügend Mitmenschen, die ihr Sorgen und Risiken abnehmen - und sogar noch etwas dafür bezahlen.

Man nennt es Hedging. Das bedeutet "absichern", "sich schützen". Hedger verkaufen ihre Risiken in Form von Kontrakten, etwa Optionen und Futures. Das ermöglicht es zum Beispiel dem verängstigten Besitzer von Daimler-Aktien, das Risiko von Kursverlusten für den Rest des Jahres zu verkaufen. Dann braucht er keinerlei Einbußen zu befürchten, selbst wenn die Kurse tief in den Keller purzeln. Der Käufer des Risikos verpflichtet sich nämlich, die Daimler-Papiere im Dezember zum Kurs von heute zu übernehmen. Egal, was bis dahin passiert.

Eine nützliche, höchst anständige Sache, so scheint es. Der eine trägt des anderen Last. Doch so fromm ist der gute Mensch vom Terminmarkt nicht. Er denkt nicht im Traum daran, jemals Daimler-Aktien zu kaufen. Er will spekulieren und den Kontrakt so schnell wie möglich zu einem viel höheren Preis verkaufen. Wenn der Daimler-Kurs steigt, ist das auch kein Problem. Denn dann ist das Recht, Ende des Jahres Daimler-Aktien zum Preis von heute kaufen zu können, Gold wert.

Dem Daimler-Aktionär könnten die Geschäfte mit seinem Risiko freilich gleich sein. Der Kontrakt gilt auf jeden Fall, egal wer ihn am Ende besitzt. Dennoch ist der Daimler-Aktionär die wirklich tragische Figur in dem Stück: Denn seine Suche nach Sicherheit entpuppt sich als die Ursache der Gefahr, vor der er sich zu schützen glaubt. Shakespeare hätte seine Freude an ihm gehabt.

Hedging hat mittlerweile so gewaltige Ausmaße angenommen, daß es selbst Preise, Kurse und Zinsen bedroht. So werden weit mehr Kontrakte zur Sicherung von Aktienkursen gehandelt als Aktien. Hedge-Funds, etwa jener von George Soros, sind so mächtig, daß sie Notenbanken und ganze Währungssysteme in die Knie zwingen. Und daß überbordende Termingeschäfte Börsenkräche auslösen, zeigt die Geschichte.

Um sich vor Krisen und Katastrophen zu schützen, bleibt dem armen Daimler-Aktionär freilich nichts anderes übrig, als erneut zu hedgen. Und so die Teufelsspirale ein Stück weiter zu drehen. Ein Entrinnen scheint unmöglich. Jedenfalls, solange Risiken nur verkauft statt beseitigt werden.