ZEIT: Bedrohen neue Viren, Bakterien und andere Erreger die Menschheit?

Knobloch: Darauf läßt sich nicht einfach mit Ja oder Nein antworten. Das Ebola-Virus etwa ist kein neuer Erreger. Nach den Ausbrüchen 1976 in Zaire und im Sudan, 1995 in Zaire und in diesem Jahr in Gabun zeigte sich, daß Ebola in seiner genetischen Ausstattung weitgehend stabil geblieben ist. Die für Viren so typische Eigenschaft zur Veränderung zeigt sich hier also nicht. Es gibt aber Beispiele für Viren, die sich stark wandeln, etwa die Grippeviren. Sie überdauern in verschiedenen Tierreservoirs, etwa in Vögeln und vielen Säugetierarten, und wandeln sich unvorhersehbar in eine viel virulentere Form. So forderte das Grippevirus 1918 weltweit plötzlich Millionen Tote. Aber nicht nur Viren verändern sich, sondern zum Beispiel auch die Bakterien, die Cholera auslösen. Wir befinden uns im Augenblick bei der siebten Pandemie, die sich vor einiger Zeit vollständig in Südamerika etabliert hat. Und wir stehen bereits am Beginn der achten Pandemie, mit einem ziemlich anderen Choleraerreger. Er hat plötzlich eine spezielle Hülle gebildet und kann deswegen aus dem Darm in die Blutbahn eindringen und septische Krankheitsbilder verursachen. Warum, wann und mit welchen Auswirkungen so etwas passiert, ist nicht vorherzusagen - man muß aber vorbereitet sein.

ZEIT: Stimmt der Eindruck, daß Erreger vor allem in den Tropen und Subtropen auftauchen?

Knobloch: Das stimmt so nicht. Einige Erreger können sich weit verbreiten. Immer wieder gab es teilweise noch ungeklärte epidemiologische Verschiebungen. So ist unklar, warum die Lepra aus Nord- und Mitteleuropa weitgehend verschwand, obwohl damals noch keine Medikamente verfügbar waren. Das durch Viren übertragene Denguefieber gab es in seiner schweren Blutungsform früher nur in Südostasien. Jetzt hat es sich allmählich über die Karibik bis nach Südamerika etabliert, die schweren Verläufe haben eine globale Ausdehnung. Andererseits: Wer sich im Regenwald umschaut und dort Tiere untersucht, findet sehr, sehr viele Mikroorganismen, die bisher nicht bekannt sind. Das liegt aber an den besseren Nachweismethoden und bedeutet nicht, daß heute mehr Infektionskrankheiten ausbrechen als früher.

ZEIT: Werden auch in Deutschland unbekannte Viren und andere Erreger entdeckt?

Knobloch: Es gibt sicherlich in der Tierwelt immer wieder neue Erreger. Sie werden aber erst interessant, wenn sie wesentliche Gesundheitsstörungen verursachen. Ein neueres Beispiel, das auch Deutschland betrifft, sind Untergruppen der Hanta-Viren (Puumala-Viren), die Fieber, Blutungen und Nierenschäden verursachen und sich in Laborratten und -mäusen weltweit verbreiten. Es ist kaum zu kontrollieren, wo und wann es welche Ausbrüche gibt. Wegen solch globaler Verschiebungen müssen Wissenschaftler die Erreger möglichst gleich vor Ort untersuchen.