Mag sein, daß Männer besonders hartleibig sind gegenüber dem Älterwerden. Frauen sind sicher kritischer. Ihr Alterungsprozeß gilt als offensichtlich; bei ihnen sagt man, sie verblühen - und werden schließlich welk. Die Kosmetikindustrie profitiert von dieser Sichtweise und macht mit Faltencremes, Kollagengels und "Schönheits"-Operationen Milliardenumsätze. Von Männern hingegen heißt es, sie reiften wie Wein und würden quasi veredelt. Und bevor sie nicht vollends als Ruine erscheinen, gelten Männer nicht als alt. Graue Schläfen betonen auch heute noch eine bestimmte männliche Note (Gunter Sachs, Richard von Weizsäcker), Falten im Männergesicht (Clint Eastwood, Keith Richards) sind ein Zeichen für Charakter - nicht für Schwund.

Nun ist es nicht so, daß ich bei lebendigem Leib verweste, daß ich Krebs oder eine andere unheilbare Krankheit hätte, die mich rasch dem Tode näher brächte. Ich leide weder an Cellulite noch an der Midlifecrisis. Ich bin kein anonymer Alkoholiker, und mein Blutdruck ist vermutlich so normal, wie ich mich fühle. Ich habe ihn seit Jahren nicht messen lassen.

Doch bei Freunden, die mich Jahre nicht gesehen haben und bei der Begrüßung unauffällig aus den Augenwinkeln mustern, huscht seit einiger Zeit unwillkürlich eine Kennermiene übers Gesicht: Aha, auch den hat's erwischt. Auch der kommt in "die Jahre".

Eingestanden habe ich es mir, ich weiß es noch genau, an meinem 35. Geburtstag. Ich stand in der Küche von Freundin M., schnippelte Zwiebeln und war in Gedanken noch ganz bei dem geschäftlichen Termin, der mich in ihr Haus nach Amerika geführt hatte. Plötzlich fühlte ich zwei spitze Finger in jenem Gewebe oberhalb der Hüften, das ich in den letzten Jahren konsequent ignoriert hatte, das sich dennoch unübersehbar links und rechts über meinen Gürtel wölbte. "Du hast ja love handles", kicherte M. und packte fester zu.

Ich wurde rot bis in die Haarspitzen. Nicht nur weil mir erst langsam dämmerte, welch frivolem Zweck die "Liebes-Griffbügel" dienen, sondern auch weil ich an der peinlichsten Stelle meines Körpers berührt worden war. Ich schämte mich entsetzlich.

Freund R., der sich als Schriftsteller schon lange mit diesem Teil des männlichen Körpers und seiner Entwicklung beschäftigt hat, nennt das Phänomen "die Aufweichung": Es ist kein expressionistischer Trommelbauch, wie ihn die Kapitalisten auf George Grosz' Bildern vor sich hertragen. Es ist eine talgige, ziemlich formlose Masse, die sich anfänglich nur an den Rumpfseiten, später aber auch in der Rumpfmitte, am Oberkörper und den Oberschenkeln, je nach Konstitution auch am Hintern und an den Armen ausbreitet. Sie wird solange wie möglich verleugnet, doch irgendwann quillt sie ohne Vorwarnung über wie Milch, die in einem Topf mit Deckel zum Kochen gebracht wird. Um das mal klarzustellen: Bei mir ist die Aufweichung erst im Stadium II. Hintern, Oberschenkel und Arme sind noch nicht befallen. Andere sind da schon weiter: Kollege S. zum Beispiel hat aufgrund seiner Aufweichung eine ausgesprochen birnenförmige Figur: fülliger Unterleib, Hüften und Hinterteil voluminöser als der Schultergürtel. Und Freund C., mit 25 einer der bestaussehenden Männer westlich der Wolga, kämpft heute verzweifelt gegen die 100-Kilo-Marke - bei 1,80 Meter Körpergröße.