Sehr geehrte Firma,

neulich hab' ich im Fernsehen gesehen, wie die Chefs von den Katholen und den Evangelen zusammen mit dem DGB gegen den Sozialabbau und die Massenarbeitslosigkeit demonstrierten. Das ist doch schon mal was, sagte ich zu meiner Roswitha, so geht das ja nicht weiter, und was soll bloß noch werden aus uns. Eigentlich bin ich gar kein Kind von Traurigkeit und immer dabei in fröhlicher Runde, und so ging vor vier Wochen der Führerschein flöten, 1,83 Promille, na ja, aber meine Arbeit war auch weg. Ich wollte bloß schnell nach Hause, damit ich am nächsten Tag wieder ausgeschlafen war. Muß man ja sein in meinem Beruf, ausgeschlafen, als Berufskraftfahrer, immer auf Achse, damit hier der Laden läuft, aber die hatten ja kein Einsehen bei der Polizei, und ohne Führerschein, wissen Sie, da stand ich auf der Straße, arbeitslos, ja.

"Arbeitslosigkeit", schreiben Sie in Ihrem Brief, und darum wende ich mich an Sie, sehr geehrte Herren, "ist eine selbstgefertigte Geisel der modernen Gesellschaft." Stimmt vielleicht sogar ein bißchen in meinem Fall, ich meine, daß ich an dieser Geisel ein bißchen mitgebastelt habe, doch, kann man sagen, jedenfalls ist die Fluppe jetzt weg, und was soll ich jetzt bloß machen, ohne Führerschein und ohne Arbeit?

"Eine Sexgöttin hilft Arbeitslosen", schreiben Sie in Ihrem Brief und machen damit Reklame für eine Münze der Münzprägeanstalt Dr. Ising GmbH, 73450 Heubach, gewidmet Marilyn Monroe zum 70. Geburtstag, auch alt geworden, die Frau, aber wie sie so dasteht mit hochgewehtem Rock in "Feinsilber 999/000, Gewicht ca. 20 g, 40 mm Ö, mattes Hochrelief auf Spiegelglanzhintergrund, internationale Proofqualität", Bestellnummer 37, doch, das hat schon was, und daß DM 10,- der unverbindl. Preisempfehlung von DM 69,- an den Arbeitslosenverband Deutschland e. V. gespendet werden, geht auch in dieser Höhe in Ordnung, aber damit kriege ich auch keine Arbeit.

Marilyn Monroe, schreiben Sie in Ihrem Brief, sehr geehrte Herren, "ist das verkörperte Sinnbild für Lebensfreude und Lebenslust; Lebensbereiche, die durch die Arbeitslosigkeit eingeschränkt werden". Sie wissen ja nicht, wie recht Sie damit haben, Lebenslust ist jetzt Pfeifendeckel, und meine Roswitha ist ganz sauer deswegen. "Wenn dieses Idol, das selbst Not, Armut und Ausgrenzung kennengelernt hat, mit dieser Aktion Arbeitslosen hilft, werden für die Solidarität Zeichen gesetzt", schreiben Sie. Solidarität schön und grün, aber was hab' ich davon?

Soll ich vielleicht für eine Rolle vorsprechen bei der ARD-Serie "Wilde Herzen"? Da hab' ich mir schon meine Gedanken zu gemacht und auch mit Roswitha drüber gesprochen, ob wir nicht vielleicht zum Fernsehen gehen sollten wie Marilyn seinerzeit, aber dann meinte sie, Roswitha, da muß man so viel ausziehen, und das liegt ihr nicht so. Soll ich vielleicht meine Roswitha anschaffen schicken, die linke Faust um den Marilyn-Taler mit proofqualitätsmäßigem Spiegelglanzhintergrund geballt? Hat mir nämlich ein Freund vorgestern in der Kneipe erzählt, daß die Marilyn, bevor sie ein Star wurde und ihr der Rock so hochwehte, wenn ihr heiß war, in Hollywood lange auf den Strich gehen mußte, bis die Ausgrenzung ein Ende hatte und die Lebensfreude begann.