Da sitzt ein Mann. Keine besonderen Kennzeichen: Hose, Jacke, Ohren, alles dran an unserem Mann. Alter: 45. Das einzig Auffällige an ihm: Er hat die Schuhe ausgezogen und seine Füße auf die gegenüberliegende Sitzbank gelegt. Um sich hat er ein Picknick drapiert, das ins Aktenablagenhafte lappt: eine Stulle, eine Zeitung, ein Schnupftüchlein, eine Tasche, Plastiktüten. Auf dem silber-metallenen Abfalleimer steht eine Dose Bier.

Geschäftig hantiert er mit den Dingen, beißt einmal hier hinein, greift sich jenes, kramt in Tüte eins, knetet Tüte zwo. Schließlich nimmt er einen tiefen Schluck aus der Dose, sagt "ah", lehnt sich zurück und sieht der Kachelwand dabei zu, wie sie sich majestätisch an uns vorbeischiebt.

Da sitzt ein Mann. Kein einziges Mal hat er sich nach mir umgedreht. Was auch nicht zu erwarten war, denn ich kann das nicht seltsam finden: Ich sitze im Sèparèe der 1. Klasse der Hamburger S-Bahn-Linie 1. Und jeder, der hier sitzt, gehört zu einer Gruppe von ÖPNV-Nutzern, für die eigene Regeln gelten. Und das kam so.

"Machen wir den Menschen ihre täglichen Fahrten etwas exklusiver", dachten sich die Hamburger S-Bahn-Konstrukteure Mitte der 50er Jahre. Dann malten sie große Einsen an die Wagen der Bauserie 471 und wuchteten Polstermöbel in die Abteile. Wer sich eine teurere Fahrkarte leisten konnte, sollte sich ruhig ein bißchen absetzen können vom Rest der im Nahbereich verkehrenden Menschheit.

Für alle, die es besonders exklusiv haben wollten, stellte man noch kinnhohe Trennwände auf, um die Sitzecken (die sich an den beiden Enden der Waggons befinden) vom Rest des Wagens abzuschotten. Eine 1. Klasse innerhalb der 1. Klasse. Im selben Moment legte sich auch schon eine besondere Aura um diese Sitzgelegenheiten. Wer hier eintrat, wollte für sich sein. Wer hinzukam, betrat ein fremdes Wohnzimmer. "Störe ich?" - "Ja!"

Die Fünfziger sind lange vorbei, und immer noch rumpeln die 1.-Klasse-Garnituren mit ihren eigenartigen Extrazimmern durch die Stadt. "Warum", fragt sich der konsequente Benutzer der S 1? Wo es in allen Städten nur mehr Einheitsklassen für alle gibt. Also ruft man die zuständige Pressedame an. Sie sagt: "Der Fahrgast wünscht es so." Ah, ja.