Seit das bessere Essen zum Dauerthema geworden ist, sind wir über die abseitigsten Aspekte der Nahrungsmittelaufnahme unterrichtet worden. Die Eßgewohnheiten der Ägypter und der Hopi-Indianer wurden ebenso beschrieben wie die Gewürzmischung bei den Festmählern der Merowinger, die Tafelmusik der Donkosaken und die Spaghettirezepte der Mafiosi.

Der Eichborn Verlag bereitet zur Zeit eine zwölfbändige Reihe vor, welche die Kulinarik endlich auch mit der Astrologie in Verbindung bringt. Für jedes Tierkreiszeichen wird eine Liste der bevorzugten Speisen geliefert. Danach müssen beispielsweise im Zeichen der Jungfrau Geborene die bescheidene Hirse lieben oder Fenchel, Sellerie und Karotten. Sie trinken am liebsten trockene Weine, Pils, Hefeweizen und essen, so sie keine Vegetarier sind, gern Wild und Innereien.

Was macht nun eine Jungfrau, wenn sie/er sich vor Nieren und Bries ekelt, Fenchel langweilig findet und Hirse noch nie im Leben gegessen hat? Muß dieser Mensch nicht glauben, seine Identität noch nicht gefunden zu haben? Soll er sich, um seinem Horoskop gerecht zu werden, blutige Kalbsnieren reinwürgen und auf fadem Fenchel herumkauen?

Soll so einer vor dem Einkaufen seine Sterne befragen, ob das Verfallsdatum der Magerjoghurts auf einen für ihn günstigen oder ungünstigen Tag fällt? Muß er das Horoskop des Kochs im Restaurant mit dem eigenen abstimmen oder die für die Verdauung wichtige Übereinstimmung in der Quadratur von Sonne und Venus suchen? Man sieht, Essen erschöpft sich keineswegs darin, das, was einem gut schmeckt, zu kochen und runterzuschlucken. Zu den gesundheitlichen Gefahren, an die wir sowieso immerzu denken, kommen die üblichen Überlegungen, welche Austernsorte potenzfördernd ist, ob Wachteln aussterbende Wildvögel sind, was das Wort Geschmacksverstärker bedeutet und wieso die Jakobsmuscheln nach fünfzig Minuten in der Pfanne noch hart sind. (Sollte der Mars in Opposition zum Jupiter stehen, sind solche Fragen überflüssig. Dann ist es einfach ein schlechter Tag fürs Essen. Da besäuft man sich besser.)

Es ist mir gelungen, eine Aufstellung der von meinem Sternzeichen bestimmten kulinarischen Vorlieben schon vor Druck der Bände in die Hand zu bekommen. Der Schock war groß: Ich lebe völlig an meinem Horoskop vorbei! Die, die meine Lieblingskräuter sein sollen, verabscheue ich von ganzem Herzen. "Große Galadiners oder rauschende Feste" müßte ich aufgrund meines Aszendenten gern besuchen. In Wirklichkeit drücke ich mich vor solchen Massenabfütterungen, wo immer es geht.

Am härtesten trifft mich aber meine angeblich Vorliebe für die Farbe Blau bei den Tischdekorationen. Ausgerechnet Blau, die Farbe der Introvertierten und Depressiven! Sie hat in der Umgebung eines Eßtischs ungefähr die Wirkung wie die türkis-violetten Freizeitklamotten der vorigen Saison in der Oper.