Registriert am 21. April 1996 um die Mittagszeit: bis zu 32 Grad plus im Norden Deutschlands, gleichzeitig die ersten Warnungen vor erhöhten Ozonwerten im Südwesten der Republik. Mensch und Natur atmen nach dem langen strengen Winter wieder richtig durch. Einen bitteren Beigeschmack erhält der Sommereinbruch jedoch vor dem Hintergrund einer neuen Studie der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. "Die globale Mitteltemperatur hat seit Beginn weltweiter Temperaturmessungen noch nie so hohe Werte wie in den vergangenen 15 Jahren erreicht und 1995 einen neuen Höhepunkt erreicht", meldet der weltweit größte Rückversicherer. Der Temperaturanstieg ähnele bereits verdächtig einer Fieberkurve.

Die Anzeichen, daß es sich dabei nicht um natürliche Klimaschwankungen handelt, haben sich nach Auffassung der Münchner Studie stark verdichtet. Vor allem Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle unweigerlich entsteht, heizt die Erde auf. Nach dem derzeitigen Stand der Modellrechnungen wird Ende des nächsten Jahrhunderts ein Klima herrschen, wie es niemals innerhalb der vergangenen Millionen Jahre der Fall gewesen ist. Schwerwiegende Auswirkungen auf die Ökosysteme und enorme Kosten der Anpassung an die veränderten Bedingungen seien zu erwarten, heißt es bei der Münchener Rück.

Was die Versicherungswirtschaft dabei besonders beunruhigt, ist diese Vorhersage: In vielen Regionen der Erde werden immer häufiger extreme Wettersituationen auftreten, die immer mehr und immer schlimmere Katastrophen verursachen. Bereits heute melden die Rückversicherer, die einen Teil der Schäden durch Naturkatastrophen zu bezahlen haben, beängstigende Zahlen. Nach Statistiken der Münchener Rück geht das vergangene Jahr gar als neues Rekordjahr in die Geschichte der Katastrophen ein: Die volkswirtschaftlichen Gesamtschäden erreichten weltweit mit 180 Milliarden Dollar rund das Dreifache der bisherigen Rekordmarke von 65 Milliarden im Jahr davor.

Dazu beigetragen hat vor allem das große Erdbeben im japanischen Kobe. Chinesen, Koreaner und Mitteleuropäer hatten im vergangenen Jahr aber auch unter heftigen Stürmen und Überschwemmungen zu leiden. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Katastrophen im Vergleich zu dem Jahrzehnt der sechziger Jahre um das 4,4fache gestiegen, bei den volkswirtschaftlichen Schäden inflationsbereinigt auf das 8,1fache und bei den versicherten Schäden sogar auf das 15,2fache. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts sei mit doppelt so hohen Werten zu rechnen.

Die für die Assekuranz ebenso logische wie für die betroffenen Menschen bedrückende Folge: Die Versicherungswirtschaft zieht sich mehr und mehr aus dem Geschäft mit den Katastrophen zurück. So verursachte das große Hanshin-Erdbeben vom 17. Januar 1995 in Kobe allein in der Provinz Hyogo Sachschäden in Höhe von hundert Milliarden US-Dollar. Die Folgeschäden durch Produktionsunterbrechungen in Gewerbe und Industrie sind dabei nicht eingerechnet. Die Versicherungen hatten insgesamt jedoch nicht mehr als drei Milliarden Dollar zu zahlen. Der Grund: Viele Gebäude, vor allem die der privaten Hausbesitzer, waren mit keiner Mark versichert, alle bestehenden Policen außerdem mit Höchstgrenzen stark limitiert. Wolf Otto Bauer von der Münchener Rück verteidigt seine Zunft damit, die Belastungen aus Katastrophen hätten bereits dazu geführt, daß weltweit etliche Rückversicherer in Schwierigkeiten geraten seien.

Vor allem seit dem extrem teuren Northridge-Beben 1994 in Kalifornien haben sich mehrere Versicherer von derartigen Risiken verabschiedet. Und das, obwohl von den dreißig Milliarden Dollar teuren Schäden des Northridge-Bebens nur sieben Milliarden abgesichert waren.