Die Republik ist um eine Erfahrung reicher - und um ein Grundrecht ärmer. Erst handelte der Gesetzgeber, nun entschied das Bundesverfassungsgericht: Was vom Asylrecht übrigbleibt, ist die Erinnerung an ein heroisches Versprechen. Der Spruch aus Karlsruhe hat, von kaum wahrnehmbaren Vorbehalten gegen den Bonner Asylkompromiß abgesehen, einen jahrelangen, quälenden Prozeß zum Abschluß gebracht und sein Ergebnis ratifiziert: die Überwältigung der Moral durch die Wirklichkeit.

Der Kampf um die Bewahrung dieses Grundrechts war ehrenwert, doch er ging verloren. Jener majestätische, durch nichts eingeschränkte Satz aus unserer Verfassung: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht" lautet nun in seiner endgültig beglaubigten Fassung: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht - so weit, wie es geht." Aus der unbedingten moralischen Pflicht ist eine Frage der bedingten Möglichkeit geworden. Vieles mag nun einfacher sein - für uns. Niemand muß befürchten, daß die Zahl der Asylbewerber, die sich zuletzt bei 128 000 pro Jahr eingependelt hatte, wieder auf die Rekordhöhe von 438 000 ansteigt wie im Jahr 1992 - mit all den üblen Nebenfolgen in Mölln und Solingen und anderswo, die freilich stets von deutschen Tätern, nicht von fremden Bittstellern zu verantworten waren. Aber es bleibt der Verzicht auf ein Stück Rechtskultur.

Schon Immanuel Kant hat diese Reduktion eines moralischen Gebots auf die politische Opportunität in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" kommentiert: "Die Moral ist schon an sich selbst eine Praxis in objektiver Bedeutung, als Inbegriff von unbedingt gebietenden Gesetzen, nach denen wir handeln sollen, und es ist offenbare Ungereimtheit, nachdem man diesem Pflichtbegriff seine Autorität zugestanden hat, noch sagen zu wollen, daß man es doch nicht könne." Dennoch gilt nun auch hierin der pragmatische Rechtssatz: Ultra posse nemo obligatur Keiner muß mehr leisten, als er kann. Aus dem Anspruch des Verfolgten auf Asyl ist jetzt endgültig ein Gnadenakt des asylgewährenden Staates geworden.

Als das Asylrecht ins Grundgesetz kam, stand der Parlamentarische Rat unter dem Eindruck von Hitlers Diktatur und Vernichtungskrieg, des europäischen Elends und der stalinistischen Knechtschaft. Weltweite Armutswanderungen und weltweite Beistandspflichten lagen nicht in der Perspektive des als Provisorium formulierten Grundgesetzes. Jetzt, nach der Wiedervereinigung, wird die Republik auf eine widersprüchliche Weise "erwachsen": Sie fühlt sich immer deutlicher aufgerufen, internationale Verantwortung wahrzunehmen - und sieht sich immer weniger imstande, die Opfer ferner Konflikte auf dem eigenen Boden zu schützen.

Grundrechte, das lehrt diese Erfahrung, kann ein Staat offenbar nur dann absolut gewähren, wenn er auf die Ursachen der abzuwendenden Übel absoluten Einfluß hat. Wo aber der Staat alleinige Verantwortung trägt, muß er auch weiterhin unbeschränkt zur Verantwortung gezogen werden. Der Kampf ums universal gültige Asylrecht war im Grunde schon verloren, als wir - resignierend - zugeben mußten: Nicht jedem Asylbewerber können wir helfen. Um so mehr gilt es nun zu verhindern, daß diese Einsicht umschlägt in eine generelle Nachgiebigkeit, in einen schlampigen Pragmatismus beim Schutz der übrigen Grundrechte - siehe Lauschangriff.