In seinem Büro im Hamburger Universitätsviertel sitzt Rechtsanwalt Yitzhak Goldfine an einem wuchtigen Schreibtisch. Ein schlanker Mann um die Sechzig. "Ich werde sie alle als Zeugen laden", beugt er sich weit vor. "Anstaltsleiter Böhme, die Patienten. Vielleicht sogar Thomas Holst." Wenn am 30. Mai Vorsitzender Richter Hans Runge den Prozeß gegen die vierzigjährige Psychotherapeutin Tamar S. vor der Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts eröffnet, wird ein bislang einmaliger Fall von Fluchthilfe verhandelt werden. Die Anklage vertritt Staatsanwältin Claudia Knoll. Verteidiger Goldfine mit energischer Begeisterung über seine Mandantin: "Diese Frau wird für ihre Ideale sterben." Tatsächlich scheint ihm der Zynismus seiner Worte nicht klar zu sein.

Tamar S. hat nicht nur ihre berufliche Reputation gewagt, als sie am 27. September 1995 dem Frauenmörder Thomas Holst zur Flucht verhalf, und zwar aus der Spezialabteilung für forensische (gerichtliche) Psychiatrie des Allgemeinen Krankenhauses Ochsenzoll (AKO) am Hamburger Stadtrand. Vorbei an Sicherheitsschleusen, Wachdienst, Panzerglastüren, direkt durch die Decke der Turnhalle. Das Pflegepersonal saß derweil vorm Fernsehapparat und verfolgte ein Fußballspiel. Sie hat ihr Leben und das Leben vieler Frauen riskiert. Thomas Holst wurde nach dreifachem Frauenmord in den Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie eingewiesen. Laut Urteilsbegründung sei bei ihm von einem "unverminderten Tötungstrieb" auszugehen. Von "extremer Rückfallgefahr" sprach der psychiatrische Gutachter. Sie sagt: "Ich habe ihn befreit." Die AKO-Leitung habe Thomas Holst als untherapierbar ins Gefängnis abschieben wollen. Das wäre "seine Vernichtung" gewesen. "Er braucht eine Behandlung. Alles andere ist unmoralisch." Nach achtzehn, zwanzig Jahren Haft würde er entlassen. "Und was ist dann? Dann wird er wieder morden."

Tamar S. glaubt beweisen zu können, daß im AKO vor dem Besuch der parlamentarischen Aufsichtskommission Therapiepläne von Patienten gefälscht worden seien, um Behandlungen vorzugeben, die nicht ausgeführt wurden. Holst, das ist ihre Einschätzung, leide unter multipler Persönlichkeitsstörung. Seine Seele sei in zwölf bis fünfzehn Persönlichkeiten aufgespalten, vorwiegend kindliche Wesen, die ihn zu erwürgen drohten, wenn er nicht würge. Man müsse ihm das einfach glauben und mit ihm arbeiten. Als sie ihre Diagnose vortrug, habe das Klinikteam sie ausgelacht. Klaus Böhme, ärztlicher Direktor des AKO: "Holst mit seinen vielen ,Zwillingen'? So ein Unsinn! Die sollen dann schuld sein." Auf die ablehnende Kritik ihrer Vorgesetzten reagierte Tamar S. schließlich mit der Befreiung des Mörders. Durch die von ihr eingefädelte Flucht war die Klinikleitung erst mal öffentlich blamiert und soll nun als unfähig vorgeführt werden. Denn für sie steht in ihrem Prozeß nicht sie selbst, sondern die deutsche Psychiatrie vor Gericht. AKO-Leiter Böhme über seine Therapeutin: "Es gibt ja in ganz Deutschland nicht so einen Fall. Und ausgerechnet bei uns!"

Anwalt Goldfine: "Sie will diesen Prozeß. Aber wer ist Tamar S.? Ohne Holst? Wer hätte ihr zugehört? Die Medien, die internationale Presse werden da sein. Innerlich ist sie bereit, eine Strafe zu bekommen." Bis zu fünf Jahren Haft. Damit muß sie rechnen. Thomas Holst kann für seinen Ausbruch als Patient nicht mehr bestraft werden. Tamar S. glaubt fest daran, diesen gefährlichen, psychisch kranken Mann unter ihrer therapeutischen Kontrolle gehabt zu haben. Sogar in den Tagen und Nächten, in denen Holst unbeaufsichtigt in der von ihr angemieteten Wohnung saß - mitten in der Stadt.

"Hat diese Frau Liebe blind gemacht?" fragte die Tagespresse und fragten sich viele, die davon erfuhren. War sie gerade diesem hochgradig grausamen Mann "sexuell hörig"? Ein von der Märchenwelt bis zum täglichen Fernsehkrimi beliebtes Thema bekam neue Nahrung. Geopferte Weiblichkeit: Die Jungfrau begegnet dem Ungeheuer, die Frau dem mörderischen Mann. Als die Nachricht kam, Tamar S. sei lesbisch, warf das wieder alles über den Haufen. Warum eigentlich? Das erste Frauenklischee wurde vom zweiten erschlagen. Weshalb glaubt sich Tamar S. vor einem solchen Mann unversehrbar? Wieso ist ihr die Sicherheit anderer Frauen gleichgültig, gerade um dieses Mannes willen? Goldfine, dessen Mandanten (unter anderen Kremlflieger Mathias Rust) fast alle in irgendeiner Weise grandios aufgestiegen und ebenso grandios abgestürzt sind, sagt nicht weniger grandios: "Vor wirklich großen Ideen müssen einzelne Menschenleben manchmal zurückstehen. Ihr geht es um die Verantwortung der Gesellschaft, der Psychiatrie, und in diesem Sinne kriege ich sie frei. Sonst bleibt die Message: Sie war nicht mehr als die Hure von Holst." Das ist seine Befürchtung und auch ihre. Eine vernichtende Vorstellung für diese ehrgeizige Frau.

Durch ein bei RTL gesendetes Interview des israelischen Fernsehens tauchte ein weiterer Aspekt auf, der in der deutschen Öffentlichkeit nicht wirklich aufgenommen wurde. Man las und sprach zwar von "der Israelin". Aber nicht von der Jüdin Tamar S.. Als gebe es vor diesem Wort Berührungsängste, sagt auch AKO-Direktor Böhme für sein Haus in großartigem Ton: "So was spielt hier keine Rolle! Bei uns sind zwanzig Nationen. In Privatangelegenheiten mischen wir uns nur wenig ein." In Israel dagegen hieß es nach dem Fernsehinterview empört: Es sei im Hamburger Untersuchungsgefängnis offenbar noch immer wie im KZ! Tamar S. hatte nämlich die ersten Nächte und Tage in ihrer Zelle völlig nackt liegen müssen. Eine Matratze. Ein paar Wolldecken. Mehr nicht. Für sie sei das "entsetzlich erniedrigend" gewesen. "Lieber geschlagen werden als das." Die Hamburger Gefängnisleitung beeilte sich zu erklären, man habe Selbstmord befürchtet und der Frau darum alle Kleidungsstücke genommen. Als wenig später Rechtsanwalt Goldfine ins Gefängnis eilte, stellte er zu seiner Überraschung fest: "Ihr geht es blendend. Sie ist obenauf, und alle mögen sie." Häftlinge wie Aufseherinnen. "Man achtet ihre Meinung. Sie wird gefragt und kann helfen."