Boris und Meret haben sich als Halbwüchsige geliebt und miteinander geschlafen; das durften sie nicht, weil sie Geschwister sind. Boris wird in ein englisches Internat geschickt; Meret bleibt zu Hause und studiert, erholt sich aber nicht recht vom Schock der Trennung. Bis sie David trifft, einen Restaurateur, den sie lieben lernt und bei dem sie bleiben will.

Der Film beginnt in der Nacht vor der Hochzeit: Meret hat einen Alptraum. Dann kommt das Fest, die Braut ist schön, man trinkt und tanzt. Unter den Gästen, überraschend, Boris. Der Alptraum, der Traum wird wahr.

Der Film "Kinder der Nacht" erzählt eine Dreiecksgeschichte: das junge Ehepaar und das Liebespaar von einst, die Frau zwischen Zukunftshoffnung und den Ansprüchen einer noch wachen Vergangenheit. Die Geschwister wurden auseinandergerissen, und als sie sich nach zehn Jahren wiedersehen, machen sie da weiter, wo sie einstmals gerade waren. So ist das mit der Liebe: Sie hat ihre Zeit und darin eine Entwicklung. Unterbricht man sie, bevor sie an ihr Ende kam, beansprucht sie sofort ihr Recht, wenn das Paar sich wiedersieht. - Meret: "Manchmal denke ich, ich müßte zwei Leben haben."

Denn da ist ja nun inzwischen eine neue Liebe, eine Ehe sogar, und es soll eine Familie werden. Da Geschwisterliebe verpönt, das junge Eheglück hocherwünscht ist, steht Meret nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwischen Gut und Böse, kämpft David nicht nur um die Frau, sondern auch um deren Rettung aus einer verbotenen Zone des Gefühls. Und der düstere Boris zeigt trotz seiner infantilen Streitsucht und Roheit eine seltene Stärke: wahre Treue.

Dieser schöne Filmstoff wurde von Harald Göckeritz (Buch) und Nina Grosse (Regie) in eine tiefschwarze Ballade umgesetzt - ohne das kleinste Zugeständnis an des Zuschauers Bedürfnis, sich in heiteren Kontrastszenen vom drohenden Verhängnis zu erholen. Gerade mit seiner Konsequenz, seiner unerbittlichen Schußfahrt hinunter in den Abgrund der Tragödie überzeugt der Film. Da gibt es keinen Ausweg: Als Boris seine Schwester wiedersieht, will er sie wiederhaben, und als Meret das erste Mal mit ihrem Bruder allein ist, will sie in seinen Armen liegen. David, die Eltern und die Normalität, sie haben gegen diese Leidenschaft von vornherein keine Chance. Der Film nimmt sich neunzig Minuten Zeit, auf ein Ende zuzuführen, das ganz früh schon klar ist, und er füllt diese Zeit wunderbar.

Da die normale Plot-Spannung ausfällt, hat die Regisseurin nur die Spannung der Bilder, der Bewegung, der Farben, und die nutzt sie mit großer Könnerschaft. Als Meret und Boris das erste Mal übereinander herfallen, werden ihre Bewegungen wie ein Ballett fern jedes gemütvollen Realismus zelebriert - alles hängt von der Kraft dieser Szene ab, denn nur wenn sie einschlägt, erkennt der Zuschauer, mit was für einem Gegner das Gute und David zu rechnen haben. Und sie schlägt ein.