So lieben wir doch unser Ferienoberbayern: die Brotzeit deftig, die Halbe 3,70 Mark, das eigne Wort kaum zu verstehen, den Nachbar auf Tuchfühlung: "San Sie auf Urlaub hier?" Rauchgeschwängert hängt die Luft unter dem Kreuzgewölbe, klebrig pappt der Gerstensaft auf den Fliesen, hart sind Stühle und Bänke. Gestreiftes Hemd mit Krawatte neben Rauschebart und Trachtenhut, Perlenkette neben Blaumann, Bier verbindet und verbrüdert: "Kriagn ma noch a Halbe?" Ab neun Uhr füllt sich allmorgendlich - ohne einen Ruhetag in der Woche - das "Bräustüberl" des Herzoglich Bayerischen Brauhauses mit Jungen und Alten, mit Stammtischbrüdern und Ausflugsgesellschaften, mit Einheimischen und Fremden. Das feuchtfröhliche Neben- und Miteinander hat die ehrwürdige Bierschwemme, längst kein Stüberl mehr, sondern zwei Säle groß, legendär gemacht: Kommst du nach Tegernsee, kehrst du hier ein.

Tegernsee ist Oberbayern komprimiert: Bier, Kirche und Kultur hinter einer Fassade vereint und alles zu verdanken zwei Brüdern aus hochadligem Geschlecht, die, so will es die Tradition, im Jahre 746 im dichten Urwald, dort wo sich Luchs und Fuchs gute Nacht sagten, ein Kloster bauten, weshalb in diesem Jahr das 1250. Jubiläum kräftig gefeiert werden muß. Auch wenn das Kloster längst zum Schloß säkularisiert wurde, stößt man bis heute auf die Spuren der benediktinischen Mönche, und nicht nur, weil sie die ersten waren, die hier Bier brauten.

Adalbert und Otkar wählten den Platz verteidigungspolitisch geschickt und durchaus mit Sinn für landschaftliche Reize. Der See ist überschaubar groß, die Berge, die ihn umranden, steigen nicht zu steil und zu schroff hoch, rahmen ihn vielmehr gemütlich ein. Am sonnenreichsten Platz, vorne das fischreiche Wasser, im Hintergrund die schützenden Höhen, errichteten Adalbert und Otkar ihr Kloster und belegten es mit Benediktinern aus St. Gallen. Durch Fleiß und stattliche Schenkungen gelangte Tegernsee bald zu Reichtum. Bauern bewirtschafteten die Felder im Auftrag des Klosters. Nach und nach entstanden auch weitere Orte.

Heute grenzen neben der Stadt Tegernsee vier Gemeinden an die Ufer des mehr als sechs Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Sees, ihre Namen sind gleichsam Synonyme für den Erfolg des Tourismus in Oberbayern: Rottach-Egern und Bad Wiessee, Kreuth und Gmund.

Ein geschickter Schachzug für die Karriere des Klosters Tegernsee war der Erwerb der Reliquien des Quirinus. Als Dank für den Beistand im Kampf gegen die Heiden in Rom baten Adalbert und Otkar um die Gebeine des populären Heiligen. Quirin brachte Glück bis in unser Jahrhundert und blieb allgegenwärtig.

Die kleine Kirche St. Quirin quetscht sich im gleichnamigen Ort direkt an die Bundesstraße, zwangsläufig muß jeder vorbei, der vom fünfzig Kilometer entfernten München kommt. In der ihm geweihten ehemaligen Kloster- und jetzigen Pfarrkirche in Tegernsee ist der Heilige auf Fresken und als Reliquie wiederzufinden, und an seinem Patroziniumstag, dem 16. Juni, wird der Erzbischof von München und Freising nach einem Hochamt im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten mit Quirins Gebeinen über den See fahren.

Ganz besonders ein Ort verdankt Quirin seinen gewaltigen Aufschwung. Wo einst ein paar Bauerngehöfte und sumpfige Wiesen lagen, drängen sich heute Pensionen, Hotels und Privatkliniken, streitet man sich über den Ausbau des Spielcasinos und verzeichnet die höchsten Übernachtungsraten. Güldener Glanz schimmerte eines Tages über dem See. Der Mönch, der die Erscheinung wahrgenommen hatte, forschte dem Ursprung nach und stieß auf eine Ölquelle. Da es sich zweifelsohne nur um ein Wunder handeln konnte, wurde aus der Quelle flugs das Oleum Sancti Quirini abgezapft und, in Fläschchen abgefüllt, unter die Frommen gebracht. Schwärende Wunden und Beulen, Gicht und gelähmte Glieder sollte die olivgrüne Flüssigkeit heilen, der Handel war schwunghaft. Ende des letzten Jahrhunderts, längst war die Hochkonjunktur Quirins vorbei, entsann man sich der Quelle und unternahm mehrere Probebohrungen, doch so recht wollte das Erdöl nicht sprudeln. Doch dann geschah das nächste Wunder. 1909 stieß man auf das stärkste jod-schwefelhaltige Wasser Deutschlands: Der Kurort Bad Wiessee war geboren.