Goldhagen Debatte: Wie ein Stachel im Fleisch

Das Echo im deutschen Blätterwald ist bisher alles andere als zufriedenstellend. Mit einer irritierenden Geschwindigkeit und spektakulären Selbstsicherheit, die öfters nur die Ignoranz in der Sache verhüllt, hat sich gegen Daniel Goldhagens "Hitler's Willing Executioners" ein Abwehrkonsens herausgebildet: Das Buch bringe empirisch nichts Neues, im wesentlichen sei alles längst bekannt, anregende Fragen enthalte es auch nicht, kurz: Das "Ergebnis ist . . . gleich Null". Und da die Interpretation "natürlich puren Unsinn" darstelle (so, stellvertretend für manche anderen, zwei Zitate aus Rudolf Augsteins Kommentar im Spiegel), kann man nach vollendetem Verdammungsurteil offenbar entspannt zur Tagesordnung übergehen. Doch der erste Teil der Charakterisierung ist auf eine bestürzende Weise unvollständig, irreführend, wenn nicht unzutreffend; der zweite dagegen verdient einen ausführlicheren argumentativen Aufwand.

Das Buch erreicht keineswegs nur die wissenschaftlichen Experten, die bisher in der Tat übereinstimmend schneidende Kritik geäußert haben (zum Beispiel Omer Bartov, Yehuda Bauer, Christopher Browning, Norbert Frei, Raul Hilberg, Hans Mommsen, Moshe Zimmermann). Seine unübersehbare öffentliche Wirkung wirkt als Stachel, sich mit außerordentlich schmerzhaften Problemen, die keineswegs abschließend geklärt sind, erneut auseinanderzusetzen. Das könnte man als willkommenen Effekt begrüßen, anstatt spontan jede weitere Diskussion der Sachfragen abzublocken. Und auch die spürbare moralische Empörung, die den Verfasser antreibt, sollte man hierzulande gelassener respektieren können.

Es gibt mindestens sechs Gründe, Teile der empirischen Analyse und einige Fragen Goldhagens ernst zu nehmen. Er breitet drei Fallstudien aus: über Polizeieinheiten beim Werk der "Endlösung", über Arbeitslager für Juden, über Todesmärsche von Juden nach der Auflösung der Vernichtungs- und Konzentrationslager. Selbstverständlich hatte die weitverzweigte internationale Forschung zum Nationalsozialismus und Holocaust diese drei Komplexe nicht völlig übersehen. Befriedigend aber kann man die bisher gewonnenen Ergebnisse gewiß nicht nennen.

Erstens: Über den Judenmord der Einsatzgruppen, der Sonderkommandos, der SS-Brigaden vom Kommandostab Himmler, der zahlreichen Wehrmachtseinheiten sind wir inzwischen ziemlich genau informiert. Über jene Polizeiverbände indes, die ebenfalls Tag für Tag den Massenmord als Vollzeitbeschäftigung betrieben, gab es bislang eigentlich erst eine einzige umfassende und präzise Analyse einer einzigen Polizei-Reserveeinheit: in Christopher Brownings Buch "Ganz normale Männer" von 1992 (deutsch 1993). Jahrelang operierten aber rund vierzig solcher Polizeibataillone in Polen und Rußland! Erscheint es daher nicht berechtigt, daß sich Goldhagen bemüht hat, dieses Defizit zu verringern? Wenn ihm jetzt immer wieder Brownings Leistung entgegengehalten wird, kann man doch daran erinnern, daß nicht weniger als ein halbes Jahrhundert seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen war, bis dieses vorzügliche Kollektivportrait endlich erschienen ist. Also: gar nichts Neues mehr zu entdecken? Da lese man doch einmal die Kapitel 6 bis 9 in Goldhagens Buch.

Zweitens: Mehr als 10 000 Lager haben Hitlers Deutsche für "Gegner" aller Art eingerichtet: Konzentrations- und Vernichtungslager mit zahlreichen Außenstellen, Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager, Ghettos und Arbeitslager, viele dieser Lager auch oder nur für Juden. Allein in Polen gab es rund 940 Arbeitslager für Juden. Über die sechs großen Vernichtungslager, über bekannte Konzentrationslager, über die mörderischen Wehrmachtslager für Millionen russischer Kriegsgefangener hat uns die internationale Forschung inzwischen informiert. Doch über die Interna der Arbeitslager für Juden wissen wir noch immer sehr wenig, viel zu wenig. Durfte Goldhagen da nicht zu Recht seine Untersuchung durchführen - nachzulesen in den Kapiteln 10 bis 12?

Drittens: Wenn es rund hundert Todesmärsche nach Westen gab, als die Lager im Frühjahr 1945 auf Himmlers Befehl vor dem Eintreffen der Roten Armee aufgegeben wurden, und wenn die Schätzung auch nur annähernd stimmt, daß von etwa 750 000 "Insassen" mindestens 250 000, vielleicht aber sogar 375 000 unterwegs umgebracht worden oder sonstwie elend umgekommen sind, wo sind denn wenigstens einige wissenschaftliche Monographien, die diese apokalyptischen Horrorzüge analysiert haben? Darum noch einmal: Alles schon bekannt? Ist es vielmehr nicht verständlich, daß Goldhagen auch diese Lücke ein wenig schließen wollte? Wer kein Herz aus Stein hat, wird die Kapitel 13 und 14 fassungslos lesen.

Viertens: Vor dem Höllenreich der Gaskammern und Liquidationsaktionen dehnte sich das endlose Vorfeld der alltäglichen Grausamkeiten bei der quälenden Behandlung von Frauen und Kindern, Greisen und Hilflosen. Zugegeben, man weiß von diesen Torturen. Aber sie treten gewöhnlich hinter den destruktiven Operationen anonymer Großverbände zurück, die ihre Schreckensherrschaft uneingeschränkt ausüben durften. Besteht Goldhagen nicht zu Recht darauf, daß eine derartige Grausamkeit, die unter zahlreichen Angehörigen eines ehemals zivilisierten Volkes auf einmal jahrelang als Massenphänomen auftrat, weiterhin erklärungsbedürftig bleibt: von den spontanen Pogromen Anfang 1933 bis zum Mai 1945? Die Erforschung eines solchen Verhaltens ist psychisch nur sehr schwer auszuhalten. Trotzdem behält diese Aufgabe ihre Berechtigung.

Fünftens: Auch deshalb setzt sich Goldhagen zum Ziel, nach Möglichkeit individuelle Täter in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Anstatt gesichtslose Kollektive wie die blindgläubigen SS-Verbände oder gehorsame Exekutoren wie die zahlreichen Wehrmachtseinheiten bei ihrem mörderischen Treiben zu verfolgen, anstatt die "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt) an typischen Bürokraten der "Endlösung" wie Eichmann und seinesgleichen oder den grenzenlosen Fanatismus dämonisierter Planer wie Himmler und Heydrich zu untersuchen, sollte - so das Postulat - eine anschaulichere Vorstellung von den Hunderttausenden von Einzeltätern entstehen. Unstreitig existiert doch noch immer die Gefahr, daß sie hinter dem Schutzschild ihrer Einheiten verschwinden. Brownings Leistung beruht ja gerade darauf, daß er diesen Anonymisierungspanzer durchbricht und konkrete Individuen schildert. Kann man Goldhagens parallel verfolgte Absicht ohne weiteres von der Hand weisen? Methodisch und empirisch bleibt das eine außergewöhnlich schwere Aufgabe. Legitim aber ist sie allemal.

Sechstens: Das ist auch die seit den dreißiger Jahren unaufhörlich diskutierte Frage danach, wie tief der Antisemitismus in der Mentalität von Millionen Deutschen verankert war, inwieweit er den Übergang von der sozialen Diskriminierung über die psychischen Schikanen, die aktive Verfolgung und die Pogrome zur allumfassenden "Endlösung" mit ermöglicht und gefördert hat. Im Prinzip läßt sich nicht bestreiten, daß "Weltbilder" - gleichviel ob die der Weltreligionen oder der politischen Großideologien, der bäuerlichen Gesellschaft oder des höheren Wirtschaftsbürgertums - eine mentalitätsprägende und verhaltenssteuernde Fähigkeit besitzen. Ihre Reichweite freilich, insbesondere ihre Verschränkung mit jenen materiellen und ideellen Interessen, jenen konkreten Konstellationen und restriktiven Bedingungen, die zusammengenommen erst Aktionen erzeugen und vorantreiben diese komplizierte Interaktion ist im Hinblick auf den NS-Genozid noch immer nicht schlüssig erklärt worden, geschweige denn "bekannt". Gerade hier methodisch präzise weiterzufragen ist völlig berechtigt.

Kurzum, mancher macht es sich zu leicht, wenn er das gesamte Buch mit der linken Hand abtut - vom hohen Kothurn angeblich hinreichender Sachkenntnisse, vielleicht aber doch auch im Dienste latenter Abwehrmechanismen, welche die Greuel unserer Vergangenheit endlich fernhalten wollen. Aber sobald es um Goldhagens entscheidendes Unternehmen geht, seinen Anlauf zur Erklärung des Holocaust, führt kein Wegan einem unzweideutigen Urteil vorbei. Mit derselben kalten Leidenschaft, mit der Goldhagen in den empirischen Fallstudien den Absturz in die Barbarei beschreibt, hat er alles, buchstäblich alles getan, um seine "Erklärung" so radikal wie nur möglich zu diskreditieren.

Erstens: Seit dem Mittelalter hat sich unter "den Deutschen", so die Hauptthese, auf der Grundlage des eingefleischten christlichen Hasses auf das Volk der "Christusmörder" der Antisemitismus gehalten. Er drang in die Tiefenstruktur ihrer Sozialmentalität ein, prägte seither ihre kognitiven Denkfiguren und alle Lebensbereiche einschließlich der politischen Kultur. Früher hätte man gesagt: Er wurde ein unauflöslicher Bestandteil ihres "Nationalcharakters". Deshalb darf man sich auch nicht irritieren lassen, wenn der Antisemitismus einmal fünfzig oder hundert Jahre und mehr verschwindet. Denn die in der Tiefe gespeicherte und durch Sozialisationsprozesse ungebrochen weitergegebene antisemitische Programmatik kann jederzeit aktiviert werden. Spätestens seit dem frühen 19. Jahrhundert entwickelten "die Deutschen" aus diesem verhängnisvollen Erbe einen "Eliminations-Antisemitismus", der letztlich auf "Extermination" angelegt war. Dieser angeblich genuin deutsche Antisemitismus mit seinem Fluchtpunkt der physischen Vernichtung wurde zu ihrem "nationalen Projekt"! In jedem "gewöhnlichen Deutschen" steckte seither ein Monstrum mit diesem Auslöschungswahn.

Hitler und seinem Regime gelang es daher keineswegs, allmählich genügend Deutsche zur Mitwirkung am Holocaust zu gewinnen. Weit gefehlt: Die Braunen öffneten nur die Schleusen, und endlich, endlich konnten "die Deutschen" ihren "Eliminations-Antisemitismus", ihr ureigenstes "Projekt", mit eherner Konsequenz praktizieren.

Aus diesem Goldhagen-Konstrukt folgt unentrinnbar alles Weitere. Warum kein Protest gegen die Diskriminierung der Juden in den sogenannten sechs Friedensjahren des "Dritten Reiches"? Sie war seit Jahrhunderten ersehnt worden. Warum kein Protest gegen Pogrome, etwa die "Reichskristallnacht"? Sie war seit langem erhofft worden. Warum kein Protest gegen den Holocaust? Endlich konnte der "EliminationsAntisemitismus" aller "normalen Deutschen" sein Ziel verwirklichen. Wie kann da Grausamkeit verwundern? Und so weiter - die Universalerklärung verwandelt jedes Problem in ein Scheinproblem.

Zweitens: Was bedeutet das? Goldhagens "Erklärung" basiert auf der bedingungslosen Kapitulation vor jedem Bemühen um ein seriöses Erklärungsmodell, das durch schlichte Diabolisierung ersetzt wird. "Die Deutschen" sind seit dem Mittelalter eine bösartige Spezies der menschlichen Gattung, so lautet diese abstruse neue Variante des deutschen "Sonderwegs". Nur sie konnten daher so folgerichtig ihren Antisemitismus bis hin zum Holocaust perfektionieren. Im Kern bedeutet das, offenbar ohne daß der Verfasser es will oder merkt, die entschlossene Ethnisierung der Debatte über den Nationalsozialismus und seine Genozidpraxis. Strukturell tauchen, pointiert gesagt, dieselben Denkschemata, wie sie dem Nationalsozialismus eigen waren, wieder auf: An die Stelle des auszulöschenden "auserwählten Volkes" tritt das "verworfene Volk" der Deutschen als Inkarnation des Bösen. Die Kollektivschuldthese feiert auf diesem Umweg keineswegs fröhliche Urständ. Unter umgekehrten Vorzeichen erlebt ein Quasirassismus, der jede Erkenntnisanstrengung von vornherein eisern blockiert, seine pseudowissenschaftliche, mentalitätsgeschichtlich camouflierte Wiederauferstehung.

Wenn der deutsche Antisemitismus tatsächlich in die mentalen Tiefendimensionen des "gewöhnlichen Deutschen" eingelagert ist und getrost einmal ein Jahrhundert ohne sichtbare Eruption verstreichen kann - waren dann nicht alle deutschen Anstrengungen seit 1945 von vornherein vergebens, mit dieser Vergangenheit zu brechen und sich ihr zu stellen? Gut versteckt am Ende des Buches, in der vierzeiligen Anmerkung 38 auf Seite 582, findet sich ein Alibi-Winzling: Einen "zeitlosen deutschen Charakter" gebe es wohl doch nicht, konzediert dort der Autor, und nach dem "Verlust des Zweiten Weltkriegs" habe er sich "dramatisch" verändert. Inzwischen hat Goldhagen auch eine Art Ehrenerklärung für den Demokratisierungserfolg der Bundesrepublik und die effektive Ächtung des Antisemitismus abgegeben. Beide Äußerungen werden aber durch die stählerne Konstruktion seiner eigenen "Erklärung" 600 Seiten lang zutiefst in Frage gestellt.

Drittens: Warum ist, fragt Goldhagen, die schlichte Wahrheit der Kontinuität des Satanischen in Deutschland so lange verborgen geblieben? Ganz einfach deswegen, weil man von der absolut ungerechtfertigten Annahme ausging, daß die Deutschen zu den Kulturnationen des Westens gehörten und daher erst auf eine mühsam zu erklärende Weise durch die NS-Diktatur zu einem Menschheitsverbrechen ohne Vorbild gebracht wurden. Geht man statt dessen, greift Goldhagen die neuere kulturwissenschaftliche Debatte auf, mit dem distanzierten Blick des Kulturanthropologen an die Deutschen wie an einen fremden Eingeborenenstamm heran, erkennt man mühelos: Sie sind gar nicht so, sie waren nie so "wie wir"! Denn nur sie, schließt diese furchterregende Selbstgerechtigkeit messerscharf, konnten ja aufgrund ihrer Tradition den Holocaust unternehmen. Der verfremdende Blick erleichtert fortan auch den hermetischen Duktus der Gedankenführung, er verstärkt das ausschließlich moralisierende Urteil auf Kosten der Analyse. Erfolge der Judenemanzipation, kulturelle Assimilation durch das deutsche Bildungsbürgertum, Identifizierung mit den neuhumanistischen Bildungsidealen - alles Mythen, denen Generationen deutscher Juden törichterweise aufgesessen sind. Wie verblendet müssen sie gewesen sein, daß sie das Menetekel nicht längst zu erkennen vermochten?

Viertens: Die Nachrichten widersprechen sich, ob Goldhagen für seine Doktorarbeit, aus der das Buch direkt hervorgegangen ist, den Preis für die beste Dissertation am Politikwissenschaftlichen Department der Harvard-Universität oder sogar der Amerikanischen Politologenvereinigung erhalten hat. Um einen Preis für eine Dissertationin vergleichender Politikwissenschaft handelt es sich in jedem Fall. Selten nur war aber ein Buch von den Vorzügen komparativer Sozial- und Geschichtswissenschaft weiter entfernt als dieses, das den Vergleich scheut wie die Cholera. Aus unmittelbar einsichtigen Gründen ist der deutsche Antisemitismus so gut erforscht wie kein anderer. Trotzdem reichen die Kenntnisse aus, um durch den innereuropäischen Vergleich für die Zeit bis 1933 die behauptete Einzigartigkeit des deutschen Antisemitismus in Frage zu stellen. Löst man sich einmal von Goldhagens Fixierung auf die Einbahnstraße und erkennt vielmehr die "Twisted Road" (Karl Schleunes) nach Auschwitz an, ist es nicht so leicht zu entscheiden, ob etwa der giftige österreichische Antisemitismus (Hitlers Nährboden) oder der gewalttätige russische Pogrom-Antisemitismus oder der französische Antisemitismus oder der reichsdeutsche Antisemitismus der gefährlichste, rabiateste, ausdehnungsfähigste war. Weshalb waren die internationalen Antisemitenkongresse vor 1914 so gut besucht? Warum die zahlreichen "Volksdeutschen" und SS-Freiwilligen aus den besetzten europäischen Ländern, die Luxemburger im Polizeibataillon 101, die lettischen und litauischen, die ukrainischen und rumänischen Helfershelfer beim deutschen Judenmord mitgemacht haben, kann eine nüchtern vergleichende historische Analyse zu erklären versuchen. Von Goldhagens Ansatz aus kann man das am allerwenigsten.

Fünftens: Ließe man sich aber einmal auf Goldhagens Denkfigur ein, endete man hoffnungslos in einer fatalen Sackgasse. Sollten wir die türkischen Massaker an Millionen von Armeniern aus der jahrhundertealten Tradition "osmanischer Schlächter" ableiten - mit Folgerungen für den Kurdenkrieg?

Sollten wir den noch schrecklicheren millionenfachen Mord unter Stalins Diktatur nicht wenigstens aus unterschiedlichen Bedingungen und Motiven zu erklären versuchen, sondern gleich aufgeben und alles aus der jahrhundertealten Tradition "russischen Barbarentums" ableiten - mit Folgerungen für den Tschetschenienkrieg?

Sollten wir die nahezu vollendete Ausrottung der nordamerikanischen Indianer nicht wenigstens aus sehr unterschiedlichen Bedingungen und Motiven zu erklären versuchen, sondern gleich aufgeben und alles aus den Traditionen "amerikanischen Killertums" seit der puritanischen Brandmarkung der rothäutigen "Kinder des Satans" ableiten - mit Folgerungen für My Lai?

Jeder monokausale Erklärungsversuch auf der Grundlage des dezisionistischen Aktes, einen Teil der Menschheit aufgrund der ethnischen, rassistischen, naturalistischen, essentialistischen Zuschreibung des permanent Bösen zu stigmatisieren, ist eine intellektuelle, methodische und politische Bankrotterklärung.

Sechstens: Aufgrund dieser effektiven Selbstblockade hat Goldhagen es peinlich erfolgreich vermieden, sich den Hauptfragen der NS- und Holocaustforschung überhaupt einmal zu stellen, geschweige, sie hier und da überzeugender als zuvor zu beantworten. Womit quält sich diese Forschung seit einem halben Jahrhundert herum?

Wie und warum konnte es dazu kommen, daß ein moderner europäischer Staat mitten im 20. Jahrhundert den industriell organisierten Massenmord an sechs Millionen Juden planen und durchführen konnte? Warum geschah das von allen Industrie- und Kulturstaaten einzig und allein in Deutschland? Warum kooperierten so viele Angehörige der Funktionseliten, funktionierte die Bürokratie so reibungslos, mordeten Sondereinheiten und reguläre Streitkräfte so effizient und gnadenlos, halfen Reichsbahn und zahlreiche Industriebetriebe bei der Ausführung? Und warum brachte eine zivilisierte Nation dieses Regime hervor, unterstützte es oder fand sich mit der HitlerDiktatur bis zum Frühjahr 1945 ab, blieb gegenüber jüdischen Nachbarn und der Judenpolitik weithin apathisch oder wurde aggressiv, wollte vom Massenmord möglichst nichts hören und wissen?

Und wo wird der Riesenkomplex der nationalsozialistischen Rasseund Bevölkerungspolitik von Goldhagen berücksichtigt? Die "willfährigen Schergen" ermordeten nicht nur Juden, obwohl dieser Genozid unstreitig eine welthistorische Singularität bleibt, vielmehr auch Millionen von slawischen "Untermenschen", Zigeunern, Erbkranken, Homosexuellen, psychisch Behinderten. Grausam war auch die Praxis der NS-Eugenik, der Euthanasie, der Sterilisation, der "ethnischen Flurbereinigung". Für den Fall, daß der "Generalplan Ost" oder gar der "Generalsiedlungsplan" bis hin zum Ural verwirklicht worden wäre, hatten die "Vordenker der Vernichtung" (Götz Aly) einen "Verlust" von mehr als dreißig Millionen "Slawen" kaltblütig einkalkuliert. Nur weil der Siegeszug von Hitlers Heer in die totale Niederlage verwandelt wurde, ist es zu einem so gewaltigen Genozid an den Russen und anderen Völkern nicht mehr gekommen. Die Vernichtungsplanung und -praxis des NS-Regimes war, heißt das, noch weit ausgreifender, noch unmenschlicher angelegt, als das bis in die frühen achtziger Jahre hinein angenommen wurde. Noch einmal: Der Holocaust war ein einzigartiger Massenmord. Kann man aber in einem Buch wie diesem solche Fragendes Vergleichs einer radikalen Stromlinienführung opfern?

Während Goldhagen selber die wissenschaftliche Diskussion ungeniert auf den Stand von 1950 zurückschraubt ("Von Luther bis Hitler" hieß das damals), verfallen fast alle Untersuchungen auf der Höhe des gegenwärtigen Forschungs- und Reflexionsstandes seinem Verdikt (zum Beispiel von Uwe Adam, Martin Broszat, Raul Hilberg, Michael Marrus, Hans Mommsen); und je mehr sie sich mit seinem Vorhaben berühren (wie Browning), desto krasser sein Urteil - bis hin zu der Unterstellung einer nahezu unzüchtigen Verstehensbereitschaft. Ebenso aufschlußreich ist aber auch die große Zahl jener einschlägigen Studien, die überhaupt nicht auftauchen, weil sich ihre Differenzierungsbemühungen gegen Goldhagens Reduktionismus sperren.

Die Goldhagen-Kontroverse ist ganz unübersehbar auch längst in politische Dimensionen hineingewachsen. Teile der amerikanischen Öffentlichkeit finden in diesem Buch eine quasiwissenschaftliche Bestätigung für tiefsitzende Ressentiments und Vorurteile. Je weniger die differenzierten Ergebnisse der Forschung bekannt sind, um so leidenschaftlicher fällt der Applaus aus. Solche Antipathien konnten dem Autor nicht unbekannt sein, und es wirft ein grelles Licht auf sein Verantwortungsbewußtsein als politisch denkender Politikwissenschaftler, auf diese Weise die Medien bedient zu haben.

Die Reaktion belehrt vor allem noch einmal darüber, daß auch ein halbes Jahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust eine Selbsttäuschung über unsere Vergangenheit nicht zulässig ist. Wirkte sie nicht zur Jubiläumsfeier 1995 für viele hinreichend diskutiert oder gar "bewältigt", jedenfalls endlich auf dem besten Wege "zu vergehen"? Auf absehbare Zeit wird sie trotz aller gebotenen "Historisierung" wegen der Monstrosität der Zäsur in der Menschheitsgeschichte nicht vergehen können.

Das Politikum der bisher in der Bundesrepublik geführten publizistischen Debatte liegt in einem dubiosen Konsens: Nicht nur wird die krude Deutungsdogmatik zurückgewiesen, das ist rundherum berechtigt. Vielmehr wird zugleich auch jede inhaltliche Debatte über die Sachprobleme, die in Teil III bis V auf immerhin 200 Seiten ausgebreitet werden, und über durchaus offene methodische Fragen abgewehrt, ja geradezu jeder plausible Grund, sich darauf noch einmal ernsthaft einzulassen, allzu selbstsicher bestritten. Über die Qualität der politischen Debatte bei uns wird daher nicht zuletzt dadurch entschieden, ob es noch gelingt, die berechtigte Herausforderung anzuerkennen und vom Verwerfen der völlig mißlungenen "Erklärung" streng zu trennen. Soll es wirklich damit getan sein, das Buch als eine "Zumutung für die Mehrheit der wiedervereinigten Deutschen" in den Orkus zu werfen?

Der Autor ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld. Im vorigen Herbst erschien im C. H. Beck Verlag der dritte Band seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte", der die Zeit von 1849 bis 1914 umfaßt

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