Neue Fakten im Verfahren um den Brand im Lübecker Asylbewerberheim
Safwan E. beteuert bis heute seine Unschuld. Wer legte am 18. Januar Feuer in dem Asylbewerberheim?
Es ist ein politischer Fall. Wenigstens darin stimmen Staatsanwälte und Verteidiger in Lübeck überein. Mehr als vier Monate sind vergangen, seit das Asylbewerberheim an der Hafenstraße 52 ausbrannte und zehn Bewohner den Tod fanden. Den jungen Libanesen Safwan E. halten die Ermittler nach wie vor für den Brandstifter. Er beteuert bis heute seine Unschuld.
Ginge es nach dem Willen der Lübecker Staatsanwälte, könnte schon bald Anklage gegen den jungen Mann erhoben werden, der drei Jahre lang mit seinen Eltern und sechs Geschwistern in der Unterkunft an der Hafenstraße lebte. Doch die Anklageschrift von Oberstaatsanwalt Michael Böckenhauer steht auf schwachen Füßen. Denn letztlich stützen sich die Ermittler auf die Aussage eines einzigen Zeugen: Ein Rettungssanitäter, der in der Brandnacht am Unglücksort Dienst tat, habe von Safwan E. den folgenschweren Satz gehört: "Wir waren's." Außerdem soll der Libanese dem Zeugen erzählt haben, er habe sich an einem Hausbewohner rächen wollen und deswegen eine brennbare Flüssigkeit an dessen Tür gegossen. Für die Staatsanwälte klang dies wie "Täterwissen".
Doch das vermeintliche Racheopfer erklärte, es sei niemals zu Streit mit der libanesischen Familie gekommen. Auch wurden keine Reste von Benzin am Brandort gefunden. Dennoch bleibt Safwan E. weiterhin unter Mordverdacht in Einzelhaft. In einem zweiten Haftbefehl, der von einer Kammer des Lübecker Landgerichts im März erlassen wurde, fehlen allerdings Hinweise auf ein Motiv. Auch bei der Tatzeit ist sich das Gericht nicht mehr so sicher. Kurz nach der Verhaftung war von 3.30 Uhr die Rede. Jetzt lautet die Formulierung: "Gegen 3.30 Uhr oder geraume Zeit zuvor."
"Dieses Verfahren ist eine der größten Katastrophen dieses Jahrzehnts", sagt Gabriele Heinecke, die Hamburger Anwältin von Safwan E. Sie sammelt Hinweise, die an der Überzeugung der Ermittler rütteln, allein Safwan E. komme als Täter in Frage. Ein Anschlag von außen ist für die Verteidigerin denkbar. Frau Heinecke organisierte eine Untersuchung des Brandortes durch den pensionierten Oberbranddirektor der Stadt Frankfurt am Main, Ernst Achilles. Der bekannte Sachverständige hält es für "durchaus möglich", daß das Feuer im Eingangsbereich des Erdgeschosses ausgebrochen sein könnte. Diese Spur sei, so Achilles, von den Brandexperten des Kieler Landeskriminalamtes und des Bundeskriminalamtes nur "unzureichend untersucht" worden.
Nicht ins Bild paßt auch der Tod des im Erdgeschoß verbrannt aufgefundenen Hausbewohners Silvio A., in dessen Lungen die Gerichtsmediziner nur sehr geringe Rußspuren entdeckten. Offenkundig hatte er nicht mehr geatmet, als das Feuer über ihn hereinbrach. Für die Staatsanwaltschaft nur eine Nebensächlichkeit, der sie nicht weiter nachgegangen ist.
Die Ermittler haben mit weiteren Pannen und Versäumnissen der Verteidigung unfreiwillig zugearbeitet. So gingen den Behörden zwei wichtige Asservate verloren: Kriminalbeamte hatten eine Zarge der verriegelten Haustür am Brandort beschädigt vorgefunden und zur Untersuchung an die Kriminaltechnische Untersuchungsstelle in Kiel übersandt. Dort ist das Beweisstück nie angekommen. Ebenso unauffindbar ist die stark verkohlte Bodenplatte, die die Kripo am angeblichen Brandherd im ersten Stock sicherstellte. "Höchst bedauerlich", räumte Böckenhauer ein.
- Datum 24.05.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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