Einen Helm mit Meßfühlern auf dem Kopf, einen Monitor vor Augen, auf dem im Sekundentakt einzelne Buchstaben und Zahlen auftauchen - so sitzt Insa Schulz in einem halbdunklen Versuchsraum der Medizinischen Hochschule Hannover. Jedesmal wenn die Probandin ein Zeichen erkannt hat, drückt sie einen Knopf, worauf ein hochempfindlicher Elektroenzephalograph aufzeichnet, was sich dabei in ihrem Gehirn abspielt.

Im Raum nebenan, durch eine dicke Glasscheibe getrennt, beobachten der Psychiater Hinderk Emrich und die Neurologin Karen Trocha einen Bildschirm, der die Hirnströme in Form bunter Linien wiedergibt. Mit Hilfe eines Computers versuchen die Wissenschaftler zu klären, warum Frau Schulz eine schwarze Fläche mit orangefarbenen Zylindern sieht, wenn sie ein Glas Wermut trinkt, oder es ganz widerlich findet, wenn jemand gelb-schwarz gestreifte Sachen trägt.

Margret Jadamowitz, 76, die nur Wein trinkt, der grünorange schmeckt, und Gregorianischen Gesang liebt, weil diese Musik einen so strahlend blauen Klang hat, berichtet von ähnlichen Erfahrungen. Schon als kleines Mädchen erlebte sie so etwas, bei einem Museumsbesuch vor einem abstrakten Gemälde. Blaue und gelbe Farben waren mit zwei schwarzen Balken und einer Wellenlinie kombiniert, darunter der Titel "Forelle".

Während ihre Eltern über den verrückten Maler schimpften, erkannte sie auf Anhieb, daß der Künstler den Begriff Forelle in eine Farb- und Formsymbolik übersetzt hatte. Doch wie sollte sie das Menschen erklären, die für solche Zusammenhänge offensichtlich mit Blindheit geschlagen waren?

Für die 56 Jahre alte Hausfrau Maria Rahdek sind es Zahlen und Buchstaben, die eine zusätzliche Dimension besitzen: Das A hat ein leuchtendes Rot, E ist hellgrün und O schwarzblau. Die Oberfläche des M ist plüschig, während sich das L eher hölzern darstellt. Liest oder hört sie einen Satz, dann sieht sie die Wörter wie auf einem Laufband vor sich. "In der Schule hat mir das sehr geholfen", erzählt die zweifache Mutter. "Mußte ich ein Gedicht auswendig lernen, prägte ich mir seine Farben ein. Dann war es ganz leicht, es zu behalten!" Die Fähigkeit, Texte gut memorieren oder Zahlen im Kopf addieren zu können, besitzt sie noch heute.

Susan Meehan, Wahlkampfmanagerin aus Washington, weiß aber auch über Schattenseiten dieser besonderen Veranlagung zu berichten. "Du spinnst doch!" waren noch die harmloseren Reaktionen, wenn sie Freundinnen von ihren Farbempfindungen erzählte. Auch ihre Eltern waren beunruhigt, als diese "Phantastereien" mit zunehmendem Alter nicht verschwanden. Susan beschloß deshalb, diesen Teil ihres Ichs vor der Außenwelt zu verbergen. Nicht einmal ihrem Mann und den Kindern erzählte sie davon. Erst durch einen Fernsehbericht erfuhr sie, daß sie nicht abnormal sei und ihre Fähigkeit einen Namen hätte: Synästhesie. "Das war, als ob ein Knoten platzte, wie ein ganz tiefes Durchatmen", erinnert sie sich. "Plötzlich war ich nicht mehr allein." Und das verrückteste war: Erst danach entdeckte sie, daß eine ihrer Töchter ebenfalls diese Veranlagung besaß. Auch sie hatte nie darüber gesprochen.