Graphikdesigner David Carson - ein Porträt

"Natürlich könnte ich schöne Broschüren gestalten, die jeder gut lesen kann. Aber das Leben ist zu kurz, um langweilige Dinge zu tun."

Nur jetzt nicht aufgeben, lieber Leser. Nicht schon nach dem ersten Satz, auch wenn Sie möglicherweise etwas Mühe haben mit dem Lesen. Vielleicht hüpft Ihnen jetzt gleich das nächste Wort von der Zeile, und Sie finden es irgendwo weiter unten wieder. Oder es trudelt über den Rand der Spalte hinaus ins Universum des Ungedruckten. Wunderbare Möglichkeiten.

Vielleicht gibt es aber auch gar keine Zeilen und Spalten mehr in diesem Beitrag, nur noch graphische Achterbahnen, auf denen meine Sätze Salto mortale machen, bis es Ihnen und mir vor den Augen flimmert. Das alles hängt von David Carson ab. David who?

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Noch ist er nur Insidern ein Begriff: Zeitschriftenmachern, die verzweifelt Visagisten suchen für ihre siechen Blätter; Werbeleuten, die sich von Carsons optischen Attacken neue, junge Kundschaft versprechen. Für die einen ist er "der Superstar der Computergraphik", für die andern ein "Totengräber der Typographie". Er trage bei zum Analphabetismus der Jugend in Amerika, werfen Kritiker ihm vor. Im Gegenteil, er bringe junge Leute wieder zum Lesen, meint USA Today .

"Enfant terrible der Graphikszene", "the wunderkind of design": Lachend quittiert David Carson die Etiketten, die an seinem Namen kleben wie Markenzeichen am Overall eines Formel-1-Weltmeisters. "Ganz hübsch, kann man den Eltern zeigen", sagt er. "Eine Londoner Zeitschrift nannte mich the art director of the era. Schon ein bißchen lächerlich manchmal. Vielleicht auch etwas belastend."

David Carson trägt schwarze Jeans, braune Stiefel, ein dunkelgrünes Leinenhemd. Kein gestyltes Outfit, nichts Schrilles. Sein Auftritt ist unauffällig, geradezu enttäuschend normal. Mittelgroß, sportlich, ein Collegeboy mit beginnender Stirnglatze. Er spricht mit einer ruhigen, weichen Stimme, konzentriert, ohne hektische Gesten. Alles sehr easy. Dabei ist sein Terminkalender randvoll: Werbespots für Jaguar, Seven-up, kanadisches Bier, australische Sonnenbrillen, alles in einer Woche, der ersten Woche in seinem neuen New Yorker Büro.

Ein Hinterzimmer in der siebten Etage, Midtown zwischen Fifth und Sixth Avenue. Schreibtisch, Computer, an den Wänden Plakate, eine Collage ("The End of Print") und das Photo eines Surfers. "Einer meiner Freunde", sagt Carson, "ein echter Rebell. So sähe ich gern meine Rolle hier in New York." Der Wellenreiter von der Westcoast: Da kommt er her, so begann seine Karriere, die kalifornische Traumstory vom Profisurfer zum Graphikguru der neunziger Jahre.

Carsons Vater war Testpilot, später Chefingenieur der Nasa . Davids Mondfahrt fand vor dem Fernseher statt, und der Mann im Mond war Daddy. "Erinnern Sie sich an das Surveyor-Programm? Die erste weiche Landung auf dem Mond? Die hat mein Vater geleitet." Eine extrem beschleunigte Kindheit, zwischen Corpus Christi in Texas, wo er 1955 geboren wurde, und Cape Canaveral. Und als Vierzehnjähriger unter den acht weltbesten Surfern. "Ich war Profi. Für jedes Surfbrett mit meinem Namen, das verkauft wurde, bekam ich Tantiemen."

Seither wird er das Surfer-Image nicht los, als sei Typographie eine Form des Wassersports und beides nur eine Modewelle. "Die Kunst eines Wellenreiters" lautete denn auch der feuilletonistische Kurzschluß der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Tatsächlich sieht Carson durchaus eine Verbindung zwischen Surfen und Design. "Es hat mit Freiheit zu tun, mit persönlichem Ausdruck, mit der Lust am Experiment. Surfen ist kein Mannschaftssport. Da ist ein Einzelner, der versucht etwas, was ihm Spaß macht, ganz individuell." Seine Herkunft, die Strand- und Popkultur Südkaliforniens, hat seine Haltung mit geprägt: die Leichtigkeit, den Leichtsinn, aber auch den Mut, es mit jeder Herausforderung aufzunehmen, nicht nur mit dem Sog der Wellen. "Warum kann ich eine Seite nicht so machen? Man hat es noch nie gemacht - why not? Why not try this?"

Doch zunächst einmal studierte er Soziologie in San Diego, bestand sein Examen with honours and distinction und wurde Lehrer. Eines Tages, nun war er schon 26, fand Carson in seiner Post die Ankündigung: zweiwöchiger Graphikdesign-Workshop in Tuscon, Arizona. "Ich las die Kursbeschreibung und dachte: Graphikdesigner? Das soll ein Beruf sein? Davon kann man leben? Ich kannte bis dahin noch nicht einmal den Begriff Graphikdesign!" So überzeugend erzählt der Junge mit den graublauen Surferaugen seine Geschichte, daß wir keinen Moment zweifeln: So war es, ein Zufall, ein Glücksfall, eine Berufung. "Am Ende jener zwei Wochen wußte ich, das ist genau das Richtige für mich." Aber warum, David? Irritiert blickt Carson mich an: "It's just a fascination." Es packt dich einfach, erklären kann man das nicht.

Jedenfalls fing er nun an, unterwegs auf Werbeplakate zu achten, Buchstaben auf Schildern bewußt wahrzunehmen. Bis heute sind die Zeichen der Straße eine wichtige Anregung für seine Arbeit. Ladenschilder, Plakate, Graffiti, auf Reisen photographiert er das ständig, als sammle er Material für eine soziologische Studie zur Semiotik des Alltags. "Meine visuelle Orientierung ist anders als die vieler Menschen. Wenn ich eine Szene betrachte oder ein Photo, will ich immer nur einen bestimmten Ausschnitt sehen. Oder ich konzentriere mich auf Dinge am Rand, weg von der Mitte. Keine Ahnung, woher das kommt."

Wie alle Originalgenies gibt sich auch Carson gerne als Autodidakt. Tatsächlich studierte er Graphik an der Universität von San Diego und an einer Gewerbeschule in Oregon; allerdings kaum mehr als ein halbes Jahr. Workshops, Konferenzen, ein Graphiklehrgang in der Schweiz: viele Anregungen, aber keine systematische Ausbildung. Sein Glück, sagt er, "so brauchte ich nicht all das zu lernen, was man angeblich nicht darf".

Ganz nach eigenen Regeln gestaltete er seine erste Zeitschrift, ein Magazin für Skateboarder. Texte und Photos kamen größtenteils von den Lesern: 200 Farbseiten pro Monat, jede Nummer ein Crashkurs aus Improvisation, Witz und neuen Ideen. Die Layouts entwarf er neben seinem Job als Lehrer, den er erst 1987 aufgab. Wie in einem Rausch arbeitete er in diesen ersten Jahren als Graphiker. Damals ging seine Ehe in die Brüche. Seitdem lebt er allein in Del Mar, einem Vorort von San Diego, mit dem Blick aufs Meer und auf Mac, seinen Computer.

1988 engagierte ihn ein Musikmagazin in Boston als Art-director. Schon ein Jahr später flog er raus. "Ich war ihnen zu experimentell", stellt Carson befriedigt fest. Etwas länger dauerte sein nächster Auftritt. Beach Culture, eine Zeitschrift der Westcoast-Avantgarde, brachte ihm in zwei Jahren mehr als 150 Designpreise ein, dann war das Blatt am Ende. In der Szene ein Hit, am Markt ein Flop: Wie das? "Rezession, keine Anzeigen, kein Marketing, kein Vertrieb. Daß wir überhaupt sechs Nummern geschafft haben, ist ein Wunder." Das nächste Wunder hieß Ray Gun.

Seither ist David Carson auch international ein Star. Zunächst war Ray Gun nur eine alternative Musikzeitschrift wie andere auch. Keine originellen Themen, dieselben Bands, keine besonderen Texte. Aber es sah anders aus, cool und hip. Es hatte den Look der frühen neunziger Jahre, die Kids liebten es, und ihre Eltern haßten es. "Your magazine is my life, my soul!" Wenn Carson an die Fanpost denkt, wundert er sich noch immer. "Einer schrieb mir, er habe Ray Gun in der U-Bahn gelesen, und die Frau neben ihm habe sich woanders hingesetzt - ihr wurde wohl übel, so seltsam sah das aus!"

Extrem verkleinerte neben übergroßen Buchstaben, handgezeichnete neben computergenerierten, Kursiv- neben Fettdruck. Wie ein Bauchredner seine Stimmen wechselt, so jongliert dieser Graphikakrobat mit Schrifttypen, Zeilenabständen und Textspalten. Mal sind sie konisch gesetzt, mal übereinanderkopiert, mal verdoppelt nebeneinander. Da bricht ein Satz mitten im Wort ab, überlegt es sich anders, Leerzeile, Denkpause, und läuft dann ohne Zeilenabstand um so schneller weiter. Da hechten Wörter im Hürdenlauf über Bilder und Spalten, da gibt es Zeilenlangläufe über eine ganze Doppelseite. Da werden Überschriften aus Textspalten ausgeschnitten oder versinken im Bruch oder fehlen auch mal gänzlich. Da überschneiden sich Buchstaben, Wörter, Zeilen und Spalten, Texte und Bilder. Photos werden zerschnitten und neu montiert, gelegentlich aber auch gleich doppelt reproduziert. Bildlegenden und Autorenzeilen sind zugleich Gestaltungselemente, mal diagonal, mal senkrecht gestellt. Auch Kopierfehler oder Textkorrekturen werden als Stilmittel graphisch genutzt. Keine Seite sieht gleich aus, alle haben sie eine Handschrift: freestyle Marke Carson.

Derlei irritierte nicht nur die Frau in der U-Bahn. Auch manche Ray-Gun-Autoren fanden, das ginge zu weit, selbst für ein Alternativblatt. "Einmal benutzte ich eine Typographie ohne Interpunktion. Statt Punkt und Komma gab es nur Lücken. Da hat der Autor sich beschwert, aber das stört mich nicht sonderlich." Es heißt, einer habe Sie sogar mit seinem Baseballschläger bedroht? Carson lacht. "Reine Erfindung! Im Gegenteil, am Ende riefen Autoren mich an, wenn ich ihre Beiträge unverändert druckte: âWieso, hat dir mein Text nicht gefallen?'" Man muß kein Ägyptologe sein, um Carsons Hieroglyphen zu entziffern. Doch bricht er radikal mit Lesegewohnheiten, die wir verinnerlicht haben wie den Gang der Uhrzeiger: daß Texte vorne beginnen und linear bis an ihr Ende laufen; daß Zeilen, Satzblöcke und Seiten als feste Ordnungshüter den Verkehr der Wörter regeln, Texte gliedern und Zusammenhänge vorspiegeln, auch wo der Sinn höchst dürftig oder dunkel bleibt.

Für die Todsünden des Layouts gibt es kein schöneres Anschauungsmaterial als Ray Gun: das Inhaltsverzeichnis kaleidoskopartig durcheinandergewürfelt, die Seiten nicht paginiert, selbst das Logo von Nummer zu Nummer verändert. Für Marketing-Experten ein Alptraum, am Markt ein Erfolg: Die Auflage stieg von 30 000 auf 150 000 Exemplare. Ein Szeneblatt, das derart reüssiert, nennt man gern Kultblatt. Solche Phänomene folgen bekanntlich, wie der Zeitgeist, nur ihren eigenen, irrationalen Regeln. Die klassische Maxime der Gebrauchsgraphik seit Bauhaus-Zeiten, einen Text so klar und einfach wie möglich zu gestalten, den Inhalt optimal zu vermitteln: Carsons Credo ist das offenbar nicht. "Ich weiß", sagt er geduldig, "jetzt kommen Sie mir mit der Lesbarkeit." Wie oft hat er das nun schon gehört. Haben seine Leser diese Kritik nicht längst widerlegt? Ray-Gun-Fans genossen Carson-Layouts wie Times-Leser ihr Kreuzworträtsel. "Sie müssen schon etwas Zeit dafür aufbringen, das stimmt. Es gibt immer einige Dinge, die schwerer zu lesen sind als andere, aber eigentlich nichts, was nicht zu lesen wäre. Es sei denn, Sie haben keine Geduld oder das Thema interessiert Sie nicht."

Lust aufs Lesen zu machen ist diesem typographischen Bilderstürmer weit wichtiger als die vielbeschworene Lesbarkeit. Eine neue Generation, aufgewachsen mit Videoclips, MTV und Computerspielen, visuell hochtrainiert, längst auf dem Trip ins Internet: Von denen, sagt Carson, "kriegen Sie keinen mehr dazu, auf eine Seite voller grauer Buchstaben zu springen, egal wie gut das geschrieben ist. Vielleicht gibt es aber Wege, ihnen Informationen so zu präsentieren, daß sie wieder zu gedruckten Bildern und Texten greifen."

Der Katalog der ersten Carson-Ausstellung, die kürzlich in München stattfand, hat den Titel "The End of Print", mit dem ironischen Zusatz "Band 1". Selten ist die Krise der Printmedien vitaler und zukunftsversprechender inszeniert worden als von David Carson. Virtuos mischt er Elemente der Bleisatzzeit mit den digitalen Tricks des Computers, Layouts im Rhythmus der schnellen Schnitte von Videoclips, Textbilder im Techno-Sound. "Ich will die Emotionen der Leute treffen, wenn sie meine Arbeit sehen. Ich möchte, daß ihnen der Atem stockt, wenn sie die Seiten aufschlagen - whow! Und daß sie es dann lesen wollen." Über die Augen ins Blut, aus dem Bauch zum Kopf: Das ist die ganze Philosophie. Neu ist das nicht. Aber wenn es funktioniert - wunderbar! "Wenn ich mit Ray Gun etwas bewiesen habe, dann doch dies: Gedrucktes kann überleben, es kann konkurrieren." Werden Zeitschriften überhaupt noch eine Rolle spielen im Boom der On-line-Medien? "Ich kann mir kaum vorstellen, daß sie nicht an Bedeutung verlieren. Noch gibt es sie, millionenfach, keine aussterbende Gattung, scheint es. Aber sie werden nur überleben, wenn sie ihre Optik ändern."

Erfolgreiche Avantgardeblätter wie Ray Gun sind rar. Lifestyle-Magazine haben Konjunktur. Gibt es eine deutsche Zeitschrift, die Carson interessiert? "Allenfalls Max. Aber deren Layout ist altmodisch, besonders die Typographie, und das Logo nur eine schwache Kopie von Interview." Und Ihre erste Reaktion, als Sie das ZEITmagazin sahen? "Reichlich konservativ. Daß ihr ausgerechnet mich fragt, hat mich schon gewundert." Reiner Übermut, David, und ein bißchen Lust am Untergang. Oder gibt es noch Hoffnung für uns? David Carson lacht. "Well, we 'll see!"

 
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