Die Städte glichen Trümmerwüsten, und die Menschen, die in ihnen hausten, sehnten sich nach einem Zeichen des Mitgefühls. Kaum war der Jubel der Welt über die Niederlage des Volkes im Abflauen begriffen, kamen Wohlfahrtsverbände ins zerstörte Westdeutschland und halfen. Als bedeutendsten hob Bundeskanzler Konrad Adenauer die amerikanische Organisation C.A.R.E. hervor. Das fünfmillionste Paket war soeben, im November 1949, einer Familie in Frankfurt überreicht worden. Und in jedem einzelnen Paket erblickte der Kanzler den greifbaren Beweis für den "Geist der christlichen Barmherzigkeit, der in den Herzen der Amerikaner lebendig ist".

Care steht für Cooperative for American Remittances to Europe.

Im November 1945 hatten sich Quäker, Mennoniten, die Church of Brothers, auch Gewerkschaften und die Heilsarmee, insgesamt 22 Verbände, in New York zu dieser Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, die den Menschen im zerstörten Europa helfen wollte - ausgenommen waren die Deutschen, weil sie einem Hitler blinden Gehorsam geschworen hatten. Doch wich Präsident Harry S. Truman bald von der harten Linie seines Vorgängers Roosevelt ab.

Getreu dem biblischen Leitsatz, wonach in der Not auch dem Feinde zu helfen sei, genehmigte Truman im Februar 1946 den Transport humanitärer Hilfsgüter nach Deutschland. Fünf Monate später kamen die ersten Carepakete über Bremen, den Nachschubhafen der amerikanischen Besatzungsmacht, ins Land. Ungezählten Menschen linderten sie die gröbste Not der Nachkriegszeit. Von Bremen aus wurden die ausländischen Liebesgaben, wie die Carepakete im offiziellen Sprachgebrauch hießen, in die amerikanische und britische Besatzungszone, später in die französische gebracht, vereinzelt und auf allerlei Umwegen auch in der sowjetischen Zone verteilt. Des hohen Anteils deutschstämmiger Amerikaner wegen hatte übrigens die Geschäftsführung von Care von Beginn an darauf gepocht, Pakete auch nach Deutschland zu schicken.

Bis März 1947 waren es Verpflegungspakete der US-Army, von Care aufgekaufte Restbestände aus dem Pazifikkrieg, den zwei Atombomben auf Japan ein Jahr früher, als von der US-Logistik erwartet, beendet hatten. Als die 2,8 Millionen Feldrationen aufgebraucht waren, entwarf Care eigene Pakete. Zunächst zwei: Das eine enthielt Fleischkonserven, Kochfett, Zucker, Trockenmilch, Mehl, Schokolade, Kaffee, Seife, Kaugummi und Zigaretten das andere Wolldecken, Nähzeug, Kleider und Schuhe. Care kaufte en gros ein. In einem Lagerhaus in Philadelphia wurde die Ware in immer neuen Variationen verpackt.

Schließlich und endlich standen dem Spender in den USA fünfzehn verschiedene Pakettypen zur Auswahl: Werkzeuge für Tischler und Aussiedler Flaschen, Milchpulver und Windeln für Säuglinge seit Herbst 1949 gab es sogar ein Festtagspaket - einen unzerlegten Truthahn von sieben Pfund Gewicht, eingelegt und konserviert in einem Kochschmalzbett ferner Pakete mit Kindernahrung, Strickwolle, Schweineschmalz, Haushaltswäsche, englischsprachiger Literatur inklusive eines Wörterbuches.

Das Sortiment, meint der Bremer Historiker Karl-Ludwig Sommer, glich dem eines kleinen Versandhauskatalogs. Dieses für eine Hilfsorganisation untypisch breite Angebot erklärt er sich aus dem genossenschaftlichen Charakter des Unternehmens Care. Zwar sei es nicht mit dem Ziel versehen gewesen, Gewinn zu erwirtschaften, aber doch mit der Vorgabe, als Unternehmen zu arbeiten. Und die Überschüsse flossen zurück in die humanitäre Hilfe.