Anschwellende Arbeitslosenheere, wachsende Armut, leere öffentliche Kassen, steigende Verschuldung: Steckt das Modell Deutschland in der Sackgasse, wie die International Herald Tribune kürzlich fragte? Offenkundig ist, daß die Karre im Dreck steckt. Derweil streiten sich die Insassen des Wagens in zunehmend schrillen Tonlagen.

Ein Schlagwort klingt immer lauter durch das Gezeter und Gewirr: "Eliten".

Der Bundeskanzler fordert, die "soziale Marktwirtschaft braucht wieder Leistungseliten". Forschungsminister Jürgen Rüttgers pflichtet ihm bei: "Offene Gesellschaften brauchen Eliten." Nun stimmt auch Bundespräsident Roman Herzog in den Chor mit ein: Er beklagte bei der 40. Jubiläumsfeier der katholischen Begabtenstiftung Cusanuswerk, daß "der Begriff Elite in Deutschland auf so viel Abwehr" stoße.

Es gebe "noch immer eine Denkschule, die nicht einmal darüber diskutieren will, ob und wozu man Eliten braucht".

Abwehr? Nun ja. Schon in den achtziger Jahren hörten junge Leute eher amüsiert bis irritiert zu, wenn ihre Lehrer die "Elite" (desgleichen das "Establishment" und die "Klassengesellschaft") als Degeneration der egalitären Gesellschaft beschworen. Aber im sozialrevolutionären Pathos der längst älter gewordenen Achtundsechziger lag, das wußten auch die Jüngeren, ein allzu wahrer Kern. Die "Verführbarkeit und Benutzbarkeit sogenannter Funktionseliten" - wie es Herzog verschämt formuliert - haben die Deutschen ja nicht nur von 1933 bis 1945 der Welt bewiesen, sondern schon in der Weimarer Republik und eigentlich seit der totgeborenen Revolution von 1848.

Schlimmer noch: Die junge Bundesrepublik hatte einen beträchtlichen Teil jener professionellen Klasse, die im "Dritten Reich" gedient und gedienert hatte, in das beste Deutschland aller Zeiten hinübergerettet.

Hans Globke, Theodor Maunz: Namen wie diese standen und stehen noch heute für die Korrumpierbarkeit von Eliten mit Sitzfleisch, aber ohne Rückgrat.

Aber Abwehr? Wer bestreitet heute noch im Ernst, daß der "herrschaftsfreie Raum" eine Chimäre war? Ohne leadership kann auch eine demokratische, pluralistische und offene Gesellschaft nicht existieren. Verständigen muß sie sich indes über die Kriterien der Auswahl. Denn Elite kommt vom lateinischen eligere, auslesen.

Wer also soll, wer darf führen? Die Standes- und Privilegienelite hat sich spätestens 1919 ganz von selbst diskreditiert. Sollen wir die Funktionseliten schon um ihrer selbst willen bewundern, die Parteichefs, Wirtschaftsführer und Generäle - also die "Inhaber der jeweils höchsten Führungspositionen", wie es in der lapidaren Definition der Elitenforscher heißt? Das Schicksal der Bremer Vulkan-Werft unter ihrem Vorstandsvorsitzenden Friedrich Hennemann - um nur ein Beispiel von vielen möglichen zu nennen - spricht eher dagegen.

Wer kommt dann in Betracht? Die "Leistungseliten", die Hochbegabten, wie es Roman Herzog fordert? Wahr ist so viel: Ohne die Fähigkeit, das Vorgegebene kritisch zu überprüfen und in neue Räume des Wissens vorzustoßen, kann keine Gesellschaft im globalen Wettbewerb überleben.

Aber im Deutschland von 1996 - in dem viele Unternehmen steigende Gewinne melden und trotzdem immer mehr Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben - bedarf es noch einer anderen Art von Elite: jener, für die Führung ohne Solidarität nicht denkbar ist für die der Anspruch auf Rechte einhergeht mit dem Bewußtsein sozialer Verpflichtung für die die Suche nach Spitzenleistungen das Streben nach Chancengleichheit einschließt die das eigene Interesse im Licht des Gemeinwohls definiert und die ihren ge sellschaftlichen Repräsentationsanspruch immer wieder von neuem legitimiert, indem sie sich vergewissert, ob sie die Bedürfnisse der Repräsentierten auch wirklich gehört und verstanden hat. Man nennt das Verantwortungselite.

Wenn es überhaupt sinnvoll ist, das Wort Elite in den Mund zu nehmen, dann nur in diesem Sinn.