Kriegsgeheul in der Ägäis

Athen/Ankara

Manchmal sind Kugelschreiber explosiver als Raketen. In der östlichen Ägäis kreuzen seit langem schwerbewaffnete Kriegsschiffe, doch es war ein Ausflugsdampfer mit zwanzig westeuropäischen Journalisten, der Mitte Mai den jüngsten Zusammenprall Griechenlands mit der Türkei auslöste. Die Athener Regierung hatte die Berichterstatter eingeladen, das von Griechen wie Türken beanspruchte Felseneiland Imia (türkisch: Kardak) in Augenschein zu nehmen. Ankara protestierte gegen diese "ernste Provokation und die Veränderung des Status quo" Athen wies die Anwürfe zurück. Unter diplomatischem Donnergrollen reisten die Korrespondenten ins Krisengebiet, verfolgt von einer Yacht mit griechischen Fernsehkameras.

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Zwei Steinhaufen, die wie aufgeblähte Pfannkuchen aussehen - das ist Imia (Kardak). Die türkische Küste liegt in Sichtweite, ebenso wie die nächsten griechischen Inseln. Vor Imia lauern zwei bewaffnete Patrouillenboote, ihre Besatzungen halten Funkkontakt mit griechischen und türkischen Zerstörern, die sich in Torpedoreichweite halten.

Zwei griechische Kampfflugzeuge donnern über das Eiland die türkische Antwort auf die griechische Ouvertüre folgt zwei Stunden später: Zwei Boote mit siebzig Journalisten fahren die Steinhaufen des Anstoßes an, das türkische Fernsehen berichtet live von dieser ruhmreichen Stunde der türkischen Seefahrt. Am nächsten Tag macht das Massenblatt Türkiye mit der Schlagzeile auf: "Drei zu eins für die Türkei!"

Das Schlachtgeheul einheimischer Fernsehsender und Boulevardzeitungen hatte die griechische und türkische Marine schon im Januar dieses Jahres ins Gefecht getrieben. Ein auf Imia (Kardak) gestrandetes türkisches Handelsschiff hatte die Frage provoziert, wem das Eiland eigentlich gehört. Die Regierungen wollten die Sache nicht hochspielen.

Vergebens. Denn der Bürgermeister einer benachbarten griechischen Insel hißte unter den Fanfarenstößen der Medien die griechische Flagge. Darauf landeten Journalisten der türkischen Zeitung Hürriyet mit einem Hubschrauber auf der Insel und ließen vor laufenden Kameras den türkischen Halbmond aufsteigen. Sofort griffen die Streitkräfte beider Seiten ein. Drei Griechen starben bei einem Helikopterabsturz - Hürriyets Auflage explodierte, das Fernsehen erzielte traumhafte Einschaltquoten.

Die Krise wurde noch in derselben Nacht entschärft. Der amerikanische Präsident Clinton und seine Mannschaft telephonierten stundenlang mit den Ministerpräsidenten in Athen und Ankara. Als am nächsten Morgen die Sonne über der Ägäis wieder aufging, hatten sich die Kampfschiffe zurückgezogen und die Regierungschefs der Europäischen Union ausgeschlafen.

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