Todesursache Nr.1: Was Herzen mürbe macht
Sind Infarkte bald eine Seuche der Vergangenheit? Forscher streiten über die Rolle von Bakterien, Cholesterin und Vitaminen bei der Entstehung der Arteriosklerose
Sind Herzinfarkte bald passè? Im vergangenen Monat verkündeten zwei amerikanische Experten, Michael Brown und Joseph Goldstein, in einem Editorial der Zeitschrift Science die frohe Botschaft, der Herzinfarkt verliere bald seinen Schrecken. Der Killer Nummer eins bei Männern über 35 und Frauen über 65 Jahren werde bereits Anfang des nächsten Jahrhunderts als Seuche der Vergangenheit gelten. Zur Begründung führen sie "vier Jahrzehnte des Fortschritts im Verständnis von Cholesterin" an.
Dieser Optimismus steht in einem seltsamen Kontrast zu einer bemerkenswerten Entdeckung, die soeben in dem renommierten Journal of the American College of Cardiology veröffentlicht wurde. Dort stand zu lesen, die Herzkranzgefäße von Menschen, die an Arterienverkalkung leiden, seien erstaunlich oft mit Bakterien der Art Chlamydia pneumoniae infiziert, die bisher vor allem als Erreger von Lungenentzündungen aufgefallen waren. Dieser Befund gibt dem alten, in der Zunft der Kardiologen nie sonderlich ernst genommenen Verdacht neuen Auftrieb, daß dem Herzinfarkt neben einer Reihe bekannter Risikofaktoren auch ein infektiöses Geschehen zugrunde liegen könnte.
Trotz aller Fortschritte in der Erforschung und Bekämpfung der Arteriosklerose ist bis heute noch nicht völlig geklärt, warum sich die Blutgefäße vieler Menschen innerlich mit einer harten Schicht aus Fett und Kalk, sogenannten Plaques, allmählich auskleiden und schließlich sogar verstopfen. Vermutet wird, daß irgendwelche Verletzungen der weichen Innenauskleidung der Adern, der Intima, Reparaturversuche des Immunsystems auslösen - und daß dann das Unheil seinen Lauf nimmt.
Die Entdecker der Chlamydieninfektion, Joseph Muhlestein und sieben Koautoren aus Salt Lake City, schreiben, der rasche Anstieg koronarer Herzerkrankungen in den USA während der vierziger bis siebziger Jahre und ihr anschließendes Abflauen erinnere an eine infektiöse Epidemie. Es wäre nicht das erstemal, daß nach langem Rätseln über die Ursachen einer chronischen Volkskrankheit plötzlich eine einfache Erklärung auftauche. Dies zeige beispielsweise die Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori, das Magengeschwüre auslöst. Ähnlich könnte auch bei der Arteriosklerose eine Infektion als Auslöser wirken.
Muhlestein und Mitarbeiter haben bei neunzig Patienten, die an Arteriosklerose litten, mit einem Katheter die verkalkte Intima samt Plaques aus den Herzkranzgefäßen herausgeschält. Nach diesem medizinisch ohnehin notwendigen Eingriff wurde das herausoperierte Material auf Chlamydienbefall untersucht. In 79 Prozent aller Fälle fanden sich Hinweise auf die Bakterien. Die Tatsache, daß immerhin ein Fünftel der arteriosklerotischen Proben chlamydienfrei war, erklären die Forscher im wesentlichen damit, daß die bakterielle Infektion bei einem Teil der Patienten bereits überwunden sei.
Der Verdacht, daß diese verbreiteten Bakterien Auslöser von Arteriosklerose sein könnten, ist nicht ganz neu. Vor allem skandinavische Mediziner haben ihn bereits mehrfach geäußert. Man geht davon aus, daß durch die Chlamydien Blutgefäßwände verletzt werden und sie dann Botenstoffe aussenden, die ihrerseits eine Kaskade von Ereignissen auslösen, etwa das Anlocken von gerinnselbildenden Blutplättchen, die zum Verstopfen der Adern beitragen.
- Datum 07.06.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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