Es fehlt nicht an düsteren Prophezeiungen. Der Mufti von Jerusalem sieht den Friedensprozeß im Nahen Osten zerstäuben wie eine Parfümwolke im Salon. Leah Rabin, die Witwe des ermordeten israelischen Ministerpräsidenten, möchte am liebsten ihre Koffer packen und weit wegfliegen. Und der SPD-Außenpolitiker Günter Verheugen befürchtet, daß sich im Verhältnis Israels zu seinen arabischen Nachbarn eine Katastrophe anbahnt.

Der Wahlsieg Benjamin Netanjahus hat Schockwellen ausgelöst, die weit über die Levante hinausreichen. Mit 26 517 Stimmen Vorsprung ist dieser Sieg nicht überwältigend ausgefallen. Läßt man jedoch das Votum der arabischen Israelis außer acht, so zeigt sich, daß Netanjahu unter den jüdischen Wählern eine satte Marge von zehn Prozent erreicht hat: ein Triumph der Angst über die Hoffnung. Diese Mehrheit ist rechts, religiös und reserviert gegenüber den Osloer Friedensabsprachen. Kein Wunder, daß der Eindruck aufkommt, da sei politisch vollendet worden, was der Attentäter Yigal Amir mit der Pistole zu beginnen trachtete: die Zerstörung des Friedenswerkes von Jitzhak Rabin und Schimon Peres.

Es herrscht also Alarmstimmung. Da mag es nützlich sein, daran zu erinnern, daß in der Politik nicht immer alles so heiß gegessen wird wie gekocht. Vor knapp zwei Jahrzehnten, als Menachem Begin die Wahlen gewann, war der Schock genauso groß. Aber dann erlebte die Welt, wie ausgerechnet dieser beinharte Exterrorist den Friedensprozeß mit Ägypten in Gang setzte und mit der Räumung des Sinai die Vorlage für alle künftigen Regelungen lieferte: Frieden gegen besetztes Land.

Netanjahus Programm schreckt. Wohl versichert er, daß er die Abmachungen von Oslo nicht umstoßen wolle. Weiterführen will er sie freilich auch nicht. Er lehnt die Räumung Hebrons ab, verspricht, Milliarden einzusetzen, um weitere jüdische Siedlungen im Westjordanland zu bauen, und will den Zuzug von 100 000 Neusiedlern erlauben. Einen Palästinenserstaat lehnt er ab, über eine Teilautonomie für Arafats Staatsembryo will er nicht hinausgehen. Er denkt nicht daran, über den künftigen Status Jerusalems zu verhandeln. In den Verhandlungen mit Syrien ist die Räumung der Golanhöhen für ihn tabu. Der Jordan soll dauerhaft Israels Ostgrenze bleiben.

Dies ist schwerlich ein realistisches Programm. Sein Vollzug hieße, Israel angesichts des Terrors, der von Hamas und Hizbullah ausgeht, wieder in einen Garnisonsstaat zu verwandeln. Er bedeutete, den gemäßigten Kräften im arabischen Lager die Waffe der Vernunft aus den Händen zu schlagen. Netanjahu täuscht sich, wenn er glaubt, die arabischen Staatsmänner würden ihre Erwartungen schon herunterschrauben, sobald sie einem starken israelischen Regierungschef gegenüberständen. Weder der Ägypter Mubarak noch König Hussein von Jordanien, noch der syrische Präsident Assad können ihm zur Verwirklichung seines Maximalprogramms die Hand reichen. Auch die Annäherung an andere arabische Staaten von Marokko bis Qatar würde aufs neue gefährdet.

Der Nahe Osten hat sich in den vier Jahren seit Oslo verändert. Die Dynamik des Friedens hat vieles in Schwung gebracht, was vordem undenkbar war. Netanjahu kann das Schwungrad vielleicht in seinem Lauf verlangsamen; stoppen oder gar in die andere Richtung drehen kann er es nicht. Dazu sind die Bestimmungsfaktoren der israelischen Politik doch zu übermächtig.