Fußball-EM: Bertis Jungs hinter grünen Hecken
Wenn sie doch nur verloren hätten. Drei zu vier gegen die Tschechische Republik. Einer wäre dann so richtig glücklich gewesen: Berti Vogts, der Bundestrainer. Ein schönes Spiel im wunderschönen Stadion Old Trafford. Viele Tore. Packende Szenen. Ein Untergang mit fliegenden Fahnen. Wie er sie gelobt hätte, die Spieler Bobic und Häßler und Ziege, die endlich seinen Anweisungen gefolgt sind. Denn seit Monaten predigt Vogts, daß ihm ein gutes Spiel seiner Mannschaft wichtiger sei als ein Sieg. Brodelnden Angriffsfußball verspricht er in jedem Interview.
Aber seine Jungs hören ja nicht, machen es wie immer: wursteln und gewinnen. Zwei zu null gegen die Tschechische Republik im ersten Spiel bei der Europameisterschaft in England. Als wäre da eine Verschwörung gegen den Bundestrainer im Gange. Oder flunkert Vogts? Sagt den Journalisten das eine, den Spielern das andere. Läßt auch er bedingungslos auf Sieg spielen und nicht für die Galerie?
Doch bitte. Nicht solche Fragen. Es ist gerade so richtig gemütlich rund um die deutsche Mannschaft. Ein Sieg und außerdem dieses wunderbare "Mottram Hall Hotel", wo Vogts und die Seinen wohl nach dem Spiel noch ein Gläschen gehoben haben, zufrieden am flackernden Kaminfeuer sitzend; gräßlich kalt war es am Sonntag abend. Aber zum Glück bringen die Meereswinde rasch wechselndes Wetter, so daß die deutsche Delegation immer wieder Gelegenheit hat, eine erfreuliche Landschaft zu genießen. Es grünt sehr grün in der Umgebung von Mottram Hall.
Wenn die deutschen Spieler aus dem Fenster schauen, sehen sie in der Ferne hügeliges Weideland mit Bäumen und Hecken, zudem kleinere Herden englischer Kühe, die leider, ein kleines Betrübnis, keinen Grund mehr haben, glücklich zu sein. Der Schlachter wartet. Die Spieler erblicken weiterhin ringsum ein Mäuerchen, aber das ist weit weg, so daß die Gestalten, die dort mit langen Objektiven lauern, winzig klein wirken. Zwischen dem Mäuerchen und dem Hotel liegen in beruhigender Weite die achtzehn Bahnen eines Golfplatzes, bespielt von Fußballern und anderen Hotelgästen, die gleichermaßen wohlhabend sein dürften, vielleicht sogar von Adel.
Man muß hier spekulieren, denn das Mäuerchen darf, bis auf wenige Ausnahmen, niemand überwinden, der den Berufsweg des Journalisten eingeschlagen hat. Zum Troste macht sich allerdings täglich um kurz vor zwölf ein weißes Gefährt vom schloßähnlichen und efeugrünen Hotel auf den Weg zu dem Mäuerchen. Es fährt lautlos, und erst kommt es einem fremd vor wie eine Mondfähre, aber dann ist bald zu sehen, daß es sich um ein Golfmobil handelt, das gemächlich über den kurzgeschorenen Rasen zuckelt. Darin sitzen in Trainingsanzügen der Bundestrainer und der eine oder andere Spieler, die nun für eine knappe Stunde Kontakt zur Außenwelt aufnehmen.
Es steht nämlich ein weißes Zelt auf der anderen Seite des Mäuerchens, und darin versammeln sich Tag für Tag um zwölf Uhr zweihundert Journalisten, um etwas von dem zu erfahren, was sich jenseits des Golfplatzes abspielt. Vor allem wollen sie natürlich wissen, welche Gedanken sich der Bundestrainer zwischen altenglischem Mobiliar macht. Es herrscht eine gewisse Spannung, wie man sie aus Bonn kennt, wenn der Bundeskanzler in der Bundespressekonferenz auftritt.
- Datum 14.06.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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