Dinosaurier auf Tournee: Creedence Clearwater Revival
Als Creedence Clearwater Revival Ende der sechziger Jahre auftauchte, war sie nur eine von vielen Bands aus San Francisco. Aber John Fogerty schrieb Songs für sie, Drei-Minuten-Epen, an Chuck Berry angelehnt, und er kreischte und plärrte sie wie Little Richard für die Jungs in der hintersten Reihe. Der Mythos dazu ergab sich von selber. Die Lieder handelten von einem Phantasie-Louisiana, das ungefähr so realistisch war wie das texanische Paris bei Wim Wenders.
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Creedence Clearwater Revival damals
Dem Vernehmen nach lungerten die Musiker von CCR den lieben langen Tag mit den schwarzen Nachbarskindern auf der Veranda herum und hatten viel mit der Baumwollfarm, aber nichts mit der Musikindustrie zu tun. Ein aufgelegter Schwindel. Um die Jahreswende 1969/70 war Creedence Clearwater Revival die erfolgreichste Band der Welt. Sie produzierte einen Hit nach dem anderen, "Bad Moon Rising" und "Green River" und "Have You Ever Seen The Rain?" Die Hits liegen so nahe beisammen wie, sagen wir: die ersten fünfzig Symphonien Joseph Haydns, aber wer sie kennt, kennt sie nach zwei, drei Takten auseinander. Melodien für Millionen, bedingungslos demokratisch und kalifornisch fröhlich. Wäre da nicht immer diese leichte Paranoia gewesen, das unmittelbar bevorstehende Unheil ("It Came Out Of The Sky"), mit dem diese Musik immer drohte.
Als die Band vor einem Vierteljahrhundert zerfiel, war Bernward Vesper noch am Leben und Willy Brandt Bundeskanzler. Aber die Musik, diese simplen, vergänglichen Schlager, sie haben überlebt. Nur zwei sind von der ursprünglichen Besetzung von CCR übriggeblieben: Tom Fogerty starb vor ein paar Jahren, sein Bruder John will nichts mehr mit seiner alten Band zu tun haben. Vielleicht brauchen sie Geld. Vielleicht haben sie davon gehört, daß man in Europa Goldgruben exklusiv für pensionierte Rockstars eröffnet hat. Jedenfalls, jetzt geht CCR mit den beiden Gründungsmitgliedern Stu Cook am Baß und Doug Clifford am Schlagzeug als Creedence Clearwater Revisited wieder auf Tournee. Stu Cook macht den Conferencier und lächelt wie Bassam Tibi, wenn er in der NDR-Talk-Show sein vierteljährliches Buch über den Islam vorstellt, Elliot Easton von den Cars spielt eine bessere Gitarre, als die Band nötig hätte, John Trisao singt fast so gut wie John Fogerty. Er singt die vielleicht zwanzig Hits, die so lange im Winterschlaf lagen, als Traditionals. Sie sind inzwischen Gemeingut geworden.
Als Odysseus im Land der Phäaken ein Festmahl veranstaltet, tritt ein blinder Sänger auf, ein Rhapsode, der die Geschichte des weit umgetriebenen Odysseus erzählt, noch ehe der Held selber ans Ende seiner Geschichte, nach Hause, gefunden hat. Odysseus bricht in Tränen aus, als er so von sich erzählen hört. Es gibt ein Lied von Creedence Clearwater Rev., das eine ähnlich schlichte, homerische Größe besitzt: "Lodi". Es ist die Geschichte des zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Sängers, der dann doch in einem Kaff hängenbleibt, in Lodi. "Somewhere I lost connection . . ." Wenn er nur einen einzigen Dollar bekäme für jeden Song, den er für sein betrunkenes Publikum singen mußte, er wäre auf und davon. I guess you know the tune. CCR kennt die Melodie und spielt sie immer wieder. Der Rock 'n' Roll ist ein aufgelegter Schwindel, aber es gibt nichts Besseres.
- Datum 14.06.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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