CD-Kritik: The Pop Group: Y
Scan CD 14/Radarscope/WEA
Diebe des Feuers: Sie kommen in der Nacht, sie haben die Musik und den Rhythmus, die Wut und den Schmerz, und sie machen keine Gefangenen. "Thief of Fire", das erste Stück der Platte "Y" von The Pop Group, erschienen im Jahr 1979 und eben wieder herausgebracht, war eine kleine Kulturrevolution. Und ein großer Sprung vorwärts für den Drei-Akkorde-Punk, der sein aggressives und subversives Potential zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschöpft hatte: ein gewaltiges Dröhnen wie der Gesang satanistischer Mönche in einem gotischen Kirchenschiff. Dann setzt abrupt ein glühender Funk-Beat ein, an dem links und rechts quiekende Saxophone, splitternde Gitarrenriffs und Fetzen aus Radioprogrammen vorbeiflitzen.
Über der gefährdeten Konstruktion, die Chaos und Harmonie in ein produktives Spannungsverhältnis zu bringen versucht, regiert der maitre de bruit: Mark Stewart. Die Stimme, die immer so klingt, als habe man sie durch halb defekte Mikrophone und schlecht gelötete Kabel gejagt: "Wir haben nichts gelernt, und wir wissen nichts. Aber wir werden betrügen, und wir werden nichts vergessen."
"Thief of Fire" ist eine Komposition, die eine Vielzahl von Stilen, Geräuschen und Informationsfetzen integriert und gleichzeitig desintegrierend wirkt: ein simultaner Tanz auf mehreren Plateaus, die sich aufeinander zu und dann wieder von einander weg bewegen. Ein Experiment, das Free Jazz, Musique concréte, Dub und harten Körper-Funk zusammenbringen will und doch in ihrer Fremdheit nebeneinander stehenläßt. Identität und Alterität, Harmonie und Differenz die Schlüsselbegriffe der Kunstdebatten der vergangenen Jahre - lassen sich anhand dieser siebzehn Jahre alten Platte perfekt durchdeklinieren.
Im Jahr 1979 versuchten viele Musiker die Monomanie und ästhetische Begrenztheit des Punk aufzubrechen und ihrer Vision mehr Volumen und Tiefe, mehr Farbe und mehr Ambivalenz zu verleihen: Public Image mit der "Metal Box", die Slits mit den Reggae- und Dub-Mutationen von "Cut".
Aber keine Platte hat den Geist der Zeit so suggestiv abgebildet und künftige Entwicklungen skizziert wie das exzentrische Produkt/Konstrukt jener Band, die sich mit drastischer Ironie "The Pop Group" nannte - obwohl ihr Sound geradezu die Antithese zu Pop darstellte. Die Wiederveröffentlichung von "Y" nach all den Jahren zeigt, daß es sich hier um einen einmaligen Glücksfall handelte: Fünf junge Musiker aus Bristol trafen auf den altgedienten Reggae-Produzenten Dennis Bovell, der quer in die Postpunkszene eingestiegen war.
Die Dilettanten brachten ihre jugendliche Energie und sehr präzise Vorstellungen von Lärm, politischer Rhetorik und Klangzertrümmerung mit, Bovell das Gefühl für Raumtiefe, Echoeffekte und rhythmische Organisation. Am Mischpult verschmelzen die Kraftpotentiale zu einem explosiven Brennstoff, der erkennbare Codes nur benutzt, um sie gleich darauf zu verheizen: Elegische Klaviermeditationen werden von wüstem Gebrüll und Cecil-Taylor-artigen Clusterschichtungen überlagert, markante Rhythmen versickern in kakophonischem Chaos, Melodien verschwinden im Gewirr dislozierter Stimmen, Gitarrenschrägtöne brechen vulgär in befriedete Strukturen ein.
Um Schlüsselwörter wie Feuer, Qual, Verbrechen, Folter und Geheimnis baut The Pop Group ihren magischen Mikrokosmos aus abstrakten politischen Zauberformeln und klanglichen Zerstückelungsphantasien. Eine bedrohliche Welt, in der Grenzzustände dominieren, pathologische Gefühlswelten ästhetisch transzendiert werden. Geheimnis und Gewalt fallen in dieser düsteren Zone in eins, genauso Liebe und Haß: "Schneemädchen, ich verbrenne dich" heißt es einmal. "Dein Haar steht in Flammen, wenn ich dich berühre, wirst du schmelzen."
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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