So ein Nichtraucherflug ist doch was Feines. Zwölf Stunden lang sitzt man enthaltsam im Flieger, während im Duty-free-Beutel verheißungsvoll, doch ungenutzt die Stange mit den Zigaretten knistert. Und in der Sitzreihe, völlig überflüssig natürlich, die Aschenbecher. Über Lautsprecher wird bekanntgegeben, daß nur in den ausgewiesenen Sitzreihen geraucht werden darf, was aber eine Ansage aus glücklicheren Tagen sein muß. Und vor dem Spielfilm sendet Mr. Marlboro auch noch Rauchzeichen ins Auditorium.

Dann endlich die Landung. Man hat ja schon einiges übers antiseptische Singapur und seinen klinisch-reinen High-Tech-Airport gehört, aber eine rauchen, das soll möglich sein.

Ich irre im weltgrößten Supermarkt mit Landebahnen herum, verzweifelt auf der Suche nach der Raucherecke. Selbst in der Bar, wo man voriges Jahr noch qualmen durfte, sofern man einen Singapore Sling oder wenigstens eine Cola bestellte, klebt jetzt die durchkreuzte Zigarette hinterm Keeper. It's the law! klagt er, hundert Dollar Strafe für jeden, der hier qualmt, droht dieses Gesetz. Aber es gäbe hier tatsächlich einen Rauchsalon - direkt hinter der Flughafen-Information.

Hinter der Flughafen-Information befindet sich eine gläserne Vitrine, rund zehn Meter lang, fünf Meter breit und drei Meter hoch. Alles aus Glas. Das ist der Salon! Gibt man sich Mühe, erkennt man hinter dem beschlagenen Fenster Menschen. Beim näheren Hinsehen stelle ich fest: Das Glas ist gar nicht beschlagen. Es ist der komprimierte Rauch aus hundert Lungen.

Ich bin die Nummer 101, und als ich diese exterritoriale Lasterzone betrete, werde ich auch schon lautstark solidarisch von einer Gruppe US-Raucher begrüßt, die mir ein wohlmeinendes welcome to the inferno zubrüllt. Man begrüßt sich hier wie unter Freunden. Einer holt Dosenbier aus dem Duty-free-Laden. Ein paar tätowierte Engländer haben ihren Ghetto-Blaster mitgebracht, hier wird er seinem Namen gerecht.

Glücklich inhalierend, machen wir uns lustig über die Passanten, die auf der anderen Seite des Glaskäfigs fassungslos die Singapurer Räucherei bewundern. Kopfschüttelnde Sunnyboys und angewiderte Gesundheitsapostel betrachten distanziert unsere gläserne Dampfkapelle. Eine Nonne hält eine Sekunde ein und vergießt eine Träne gütigen Mitleids. Eine Mutter warnt ihr Dreijähriges vor unsereinem. Ein leidender Familienvater riecht Lunte und blickt sehnsüchtig zu uns herüber, während Mutter ihm gnadenlos Dampf macht und ihn zum Einchecken zerrt.

Ich entzünde meine zweite Zigarette, habe inzwischen schon die dritte Visitenkarte kassiert, dazu zwei Einladungen nach Japan und eine nach Aurich. Alle sind per du, wir erzählen uns Nichtraucherwitze, und der Jetlag ist vergessen.

Nach einer halben Stunde muß ich unser Nikotinrefugium verlassen, sicher nicht gesünder, aber glücklich.

Im Flugzeug, natürlich rauch- und keimfrei, steril wie das wirkliche Leben eben, lichtet sich der Rauch in meinem Hirn und mir wird klar: Ich gehöre zur internationalen Dampfgemeinschaft der herzlich miteinander verbundenen, wenn auch diskriminierten Raucherbande. Dafür ein Rauchopfer und ein Räucherstäbchen auf dem nächsten Airport.

Jürgen Gutowski