Der frühere Spiegel-Reporter Peter-Ferdinand Koch hat eine in Form und Darstellungsweise gewiß angreifbare, aber allein durch die Menge der - sachlich zutreffend - referierten Fakten beeindruckende, ja erschütternde Chronik der nationalsozialistischen Menschenversuche in der NS-Zeit vorgelegt. Vieles von dem, was er berichtet, ließ sich schon bei Götz Aly, Ernst Klee, Christian Pross und anderen nachlesen. Doch dies ist eine Nebensache: Wenn sich durch Kochs etwas reißerisch gestaltetes Buch fünfzig Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozeß ein großer Personenkreis mit diesem dunklen (wenn auch keineswegs totgeschwiegenen) Kapitel deutscher Medizingeschichte beschäftigen sollte, ist dies wichtig.

Kochs Buch erweckt allerdings den Eindruck, jene schrecklichen Menschenversuche seien gleichsam das Leitmotiv nationalsozialistischer Medizin gewesen. Genau dies aber trifft nicht zu, und zwar aus zweierlei Gründen: Erstens hat das Humanexperiment eine lange (und überaus problematische) Vorgeschichte. In Kochs einleitendem Kapitel "Es begann mit Tierversuchen" wird sie nicht berücksichtigt.

Und zweitens stellen in der schrecklichen Fülle jener Verbrechen, die zwischen 1933 und 1945 mit ärztlicher Hilfe verübt wurden, die Humanexperimente nur einen kleinen Ausschnitt dar (der freilich besonderes Aufsehen erregt hat). Die Biographie des Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, Dr. med. Irmfried Ebel (geboren 1910 in Bregenz, Selbstmord in der Untersuchungshaft 1948) kann dies verdeutlichen. In Treblinka wurden keinerlei Menschenversuche durchgeführt - es sei denn, man betrachtet schon den Grundzweck dieser Mordfabrik als Experiment, als den Versuch herauszufinden, wie man in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Menschen umbringen kann in Ebels Zeit waren es etwa 280 000, vor allem Juden des Warschauer Ghettos.

Treblinka war aber nur ein Intermezzo in Ebels nationalsozialistischer Karriere, die mit seinem Parteieintritt noch während der Innsbrucker Studentenzeit 1931 begonnen hatte. Ebel war auch in den Anstalten Bernburg/Saale und Brandenburg/Havel tätig, wo während der Aktion "T4" Tausende von Geisteskranken in als Duschräumen getarnten Gaskammern ermordet wurden (ebenso in Hartheim bei Linz, Grafeneck/Württemberg, Hadamar/Hessen und Sonnenstein bei Pirna) - eine Aktion, der über 100 000 Menschen zum Opfer fielen. Mit medizinischen Experimenten hatte dies nichts zu tun - es war kaltblütiger Massenmord, durchgeführt von Medizinern, die sich als "Arzt am Volkskörper" fühlten.

Das alles würde Autor Koch wohl zugeben - und dagegenhalten, daß er eben nur einen Aspekt dieser Zeit habe beleuchten wollen. Dies ist natürlich legitim (obschon das Buch dann anders hätte konzipiert werden sollen). Mein Bedenken allerdings bleibt. Denn wer sich, ob Mediziner oder nicht, mit den Untaten der Nazizeit befaßt, tut dies vermutlich nicht bloß aus historischem Interesse, auch nicht allein aus Entsetzen über die Schrecken der Vergangenheit - sein Augenmerk wird wohl auch der Frage gelten, wie ähnliche Verbrechen künftig verhindert werden können. Ein berechtigtes Anliegen, denn der "Nürnberger Codex", den das Gericht, das die Naziärzte 1947 verurteilte, entwickelte, hat medizinische Verbrechen nach 1945 nicht verhindern können.

Gerade aber für eine wirksame Präventivstrategie ist die Fixierung auf die NS-Menschenversuche wenig sinnvoll. Von den "furchtbaren Ärzten" der Nazizeit (allein dem Sanitätsdienst der SS gehörten über tausend Ärzte an) hat sich nur ein kleiner Teil als gewissenlose Experimentatoren vom Schlage des Dr. Dr. Mengele betätigt ihre Verbrechen waren anderer (aber nicht geringerer) Art. Viele von ihnen sind in gewissem Sinn "therapeutische Idealisten" gewesen, die meinten, es sei im Dienste der "höheren Sache" richtig, die "Volksgemeinschaft" von ihren "unbrauchbaren Gliedern" zu befreien.

Karl Bonhoeffer, ehemals Ordinarius für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Köln, hat in einem Aufsatz über Auschwitz den Zwiespalt vieler Naziärzte am Beispiel des letzten Standortarztes von Auschwitz, Dr. Eduard Wirths, beleuchtet: "Als überzeugter Nationalsozialist vertrat er die antisemitische Weltanschauung der Nazis - als Arzt aber behandelte er, obwohl es ihm verboten war, jüdische Patienten, die nachts in seine Praxis geschlichen kamen. Als überzeugter Nationalsozialist leitete er in Auschwitz die täglichen Selektionen - als Arzt aber war er im Lager für seine Menschlichkeit und auch dafür bekannt, daß er vielen Häftlingen - auch mit falschen Zeugnissen - das Leben rettete. Eduard Wirths - ein gewissenhafter Arzt, der seine Patienten unabhängig von ihrer Rasse und Religion behandelt, wie man es von einem guten Arzt erwartet . . . Eduard Wirths - ein Verbrecher, der sein Gewissen verleugnete und verbrecherischen Vorschriften einer Instanz gehorchte, der er sich freiwillig unterworfen hatte." Wirths beging 1945 Selbstmord. Von den medizinischen Experimenten in Auschwitz hat er selbstverständlich gewußt, aber nie persönlich an ihnen teilgenommen. Für nicht wenige Naziärzte dürfte gerade dieses "gespaltene Bewußtsein" charakteristisch gewesen sein.