Neue ZEIT-Serie von Horst Stern über die Landschaften Ostdeutschlands. Folge 1: die Vorpommersche Boddenlandschaft

Horst Stern, als Autor wie kein zweiter der Natur verbunden, unternimmt für die ZEIT eine ökologische Reise durch den Osten Deutschlands. In loser Folge berichtet er über die naturgegebenen Prunkstücke aus dem "Tafelsilber der deutschen Einheit" - vom Darß bis zur Sächsischen Schweiz von Horst Stern

Als erstes, wie immer, seit die Natur mein Denken bestimmt, ein Gang in den Wald. An keinem anderen organischen Ensemble läßt sich die Naturgesinnung einer Gesellschaft besser ablesen: Wie sie es mit ihm hält, ob sie ihn schont oder schändet, so hält sie es mit der Gesamtnatur.

Gemischte Gefühle. Einerseits diese urigen Buchen in malerisch lichtem Stand und diese schwarzwaßrigen Erlenbrüche wie in Deutschland wohl nur noch hier. Andererseits, auf den Kahlschlägen von gestern, diese großflächigen monokulturellen Vierecke der Kiefernnachzuchten und die düsteren Stangendickungen aus schwachwüchsigem Nadelholz. Einerseits auch diese Waldgrenze aus fließendem Meereslicht, das im Westen zwischen den Stämmen der Buchen leuchtet. Andererseits, im Waldinneren, diese starren Zäune um die geometrisch angelegten Kulturen zum Schutz gegen das zu viele Schalenwild auch hier.

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Hier - wo ist das? Ich bin auf dem vorpommerschen Darß. Zwischen Rostock und Rügen, Ostsee und Bodden ist er zusammen mit dem Land, das sie Zingst nennen, sowie der Insel Hiddensee das Fischbesteck aus dem "Tafelsilber der deutschen Einheit". So nannte Klaus Töpfer, der damals, 1990, Umweltminister in Bonn war, die im politischen Handstreich für den Naturschutz vereinnahmten großartigsten Landschaften der DDR, darunter den Darß.

Succow, Knapp, Jeschke, Freude - man sollte diese Namen in einen Feldstein schneiden und den dann irgendwo auf dem Darß oder im Jasmunder Buchenwald auf Rügen, am mecklenburgischen Müritzsee, im Hochharz oder in der Sächsischen Schweiz zur Erinnerung an den "weltweit größten Öko-Deal" (Der Spiegel) aufstellen. Dieses Quartett aus seit Schulzeiten befreundeten Naturwissenschaftlern steckte im Januar 1990, als die SED abgewirtschaftet hatte, in Ost-Berlin über einer Landkarte der DDR die Köpfe zusammen. Sie markierten die Grenzen der obigen fünf Landschaften und beschlossen, sie sich in den Wirren der Wende als "Nationalparke", man kann getrost sagen: unter den Nagel zu reißen.

Hannes Knapp reiste zu Hannes Bibelriether, dem Direktor des ältesten deutschen Nationalparks, in den Bayerischen Wald und machte sich schlau, was die Regularien von Großschutzgebieten anging. Michael Succow hatte es als Volkskammer-Abgeordneter der LDP in der Regierung Modrow zum Stellvertreter des Umweltministers Dieterich gebracht und zog mit Matthias Freude die politischen Fäden. Lebrecht Jeschke eilte nach Bonn zu Klaus Töpfer, der sich von der Euphorie der vier anstecken ließ und seine Hausjuristen anwies, den Text der Schutzgesetze wasserdicht zu machen. Als sie Jeschke fragten, wie groß denn die Kerngebiete der neuen Nationalparke sein sollten, sagte der mit der Kühnheit des parlamentarisch Ahnungslosen: "Na, groß eben!"

Schon im März beschloß der DDR-Ministerrat mit der Nachhilfe Töpfers die einstweilige Sicherung der Plangebiete. Der Sommer verging über dem Aufbau von Stäben und provisorischen Verwaltungen. Am 12. September dann trat unter dem Vorsitz des inzwischen zum letzten DDR-Ministerpräsidenten gewählten Lothar de Maiziére der Ministerrat zu seiner letzten Sitzung zusammen. Am Ende der Tagesordnung stand die gesetzliche Festschreibung der landschaftlichen Prunkstücke Ostdeutschlands als Nationalparke und Biosphärenreservate.

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