Superlative sind in der Kunst immer ein mißliches Mittel, jemanden zu feiern - oder zu betrauern, so wie Ella Fitzgerald , die amerikanische Jazzsängerin, die am Sonnabend in Beverly Hills gestorben ist. Vermutlich aber würden nicht einmal die ihr Ebenbürtigen - wie Sarah Vaughan - Einspruch dagegen erheben, sie die Größte unter ihresgleichen zu nennen. Wem sind überall auf der Erde die Herzen so zugeflogen wie ihr? Sie war einzigartig.

(17371 byte)

Ella Fitzgerald

Ihre Größe war, natürlich, ihr Gesang, war der sichere, vergnügte, leidenschaftliche Gebrauch ihrer Stimme. Dieses Espressivo, das die ganze Person erfaßte! Diese musikalische Fertigkeit, die ihr all die kleinen Eigenwilligkeiten des Gesanges erlaubte! Diese Geistesgegenwart bei ihren herzhaften, oft überraschenden Improvisationen - und diese reichhaltige Skala ihres Ausdrucks!

Schon übergeht man, daß ihre schöne, volle, helle Stimme über nahezu drei Oktaven reichte. Die klang in den oberen Lagen naiv, fröhlich, auch ein wenig kindlich, in den mittleren warm und kräftig, in der Tiefe war sie rund und sanft, samten. Ella Fitzgerald konnte bärbeißig krächzen, konnte kichern und kieksen, gackern, krähen und plappern; mitunter entrangen sich ihr wunderbare Schreie. Sie hatte ein angenehmes, unaufgeregtes, sparsam verwendetes Vibrato.

Wen wundert es, daß alles dies sich am übermütigsten im Scat entfaltete, im Gesang originell klingender, sinnloser Silben und Vokale, dem dann auch der Wechsel vom kommerziell ausgelaugten Swing zum emanzipierten, freier improvisierenden "modernen" Bebop-Jazz zugute kam. Nein, erfunden hatte sie den Scat nicht, aber sie hat ihn, spontan, schon früh für sich gefunden, und niemand hat ihn je so einfallsreich, so gewandt und so keß jubilieren lassen wie sie - nicht zuletzt deswegen, weil sie so virtuos sang. Diese Oktavsprünge! Diese spannungsreichen, schwingenden Melismen! Diese gehauchten Glissandi und die manchmal bewußt ein wenig zu spät oder zu früh (und überaus sicher) intonierten Töne! Wie könnte man es da unterlassen, von ihrer Natürlichkeit, ihrem Esprit zu sprechen.