Verschwörungstheorien im Internet
Weil sie kaum Chancen haben, Gehör zu finden, sind die Anhänger von Konspirationstheorien in alternative Medien abgetaucht. Vor allem ins Internet
Kaum ein Kulturkritiker, der sich in den Cyberspace verirrt hat, in dieses gelobte Land für Amateuranthropologen, und der nicht früher oder später bemerkte, wie unbestritten der elektronische Weltenraum zum zentralen Tummelplatz für Verfolgungs- und Verschwörungswahnsinnige geworden ist. Den Ton geben allerdings nicht einzelne Verrückte an, so zahlreich sie auch sind, sondern die nach Hunderttausenden zählenden Anhänger populärer Konspirationstheorien.
Studieren kann man sie in Dutzenden von Usenet-Diskussionsgruppen mit so verräterischen Namen wie alt.conspiracy , alt.conspiracy.jfk, alt.ufo.reports, alt.politics.org.cia , alt.illuminati, alt.religion.scientology oder misc.activism.militia .
Und auch im World Wide Web (WWW) wuchern die finsteren Spekulationen, etwa auf der Kennedy Assassination Home Page und der Illuminati Home Page, auf Patriots Against the New World Order, auf den Conspiracy Pages , die eine je aktuelle Konspiration des Augenblicks präsentieren, oder auf den Seiten der Ufo-Archives , die Machinationen dokumentieren, welche den engen Raum unserer Galaxie überschreiten: "Habt ihr euch je gewundert, warum die Regierung versucht, die Wahrheit über Ufos in Amerika zu unterdrücken? Vielleicht, weil sie alle selbst Außerirdische sind? Im Falle von Jesse Helms und Newt Gingrich würde das jedenfalls eine Menge erklären."
Schier unerschöpflich scheinen die Möglichkeiten, sich im Cyberspace konspirativ zu vergnügen oder zu erschrecken. Eine Conspiracy Website offeriert die fünfzig besten Verschwörungen aller Zeiten, und im geselligen Parlor of Paranoia trifft man Gleichgesinnte: "Dieser Chat-room ist der Diskussion von Konspiration und politischen Problemen gewidmet. Denkt dran, es ist nicht die Frage, ob ihr paranoid seid, sondern nur, ob ihr paranoid genug seid." Und Conspiracy Central warnt: "Seid vorsichtig, fürchterliche Dinge geschehen denen, die zuviel wissen." Das gesagt, bietet diese Seite ebenso wie die Conspiracy Corner oder die Gonzo Links haufenweise Verbindungen zu assortierten Grüppchen, die sich etwa mit dem Lockerbie-Attentat beschäftigen ("CIA-Komplott"), mit O. J. Simpson ("Opfer rassistischer Beweisfälschungen"), mit dem Ableben des Präsidentenberaters Vince Foster sowie fünfzig anderen seltsamen Todesfällen in Bill Clintons Umgebung ("Mossad-Morde"), mit der Erstürmung von Waco ("gezielte Exekutionen") oder mit dem Bombenattentat von Oklahoma City ("eine Regierungsprovokation, unser Reichstagsbrand").
Online findet sich weiterhin ein Dutzend Fachblätter und E-zines für die Enthüllung von Konspirationen und Kabalen, zum Beispiel das Nexus Magazine oder die Steamshovel Press, laut Eigenwerbung eine "Pflichtlektüre für Konspirationsliebhaber". Ihr Spektrum reicht von historischen Verschwörungen bis zu gechannelten New-Age-Enthüllungen, die uns über einen Machtkampf im Himmel unterrichten, wo eine böse Bande von seelensaugenden Theokraten mit dem guten, jedoch "unsichtbaren Kolleg" angeblich um unser Leben nach dem Tode kämpft.
Das Gros der elektronischen Konspirationsfans läßt allerdings die Kirche im globalen Dorf und beschränkt sich auf politische Komplotte. Was die Menschen nicht hindert, ihr gesamtes Kapital an Glaubwürdigkeit zu riskieren. "Es tut mir leid, das sagen zu müssen", heißt es etwa auf einer Home Page für die Offenlegung von Corruption in America, "aber seit es dem totalen Insider Bob Dole gelungen ist, sich die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu verschaffen, sind wir auf Gnade und Ungnade den Illuminaten ausgeliefert. Jack Stephens von der Worthen Bank kontrolliert nun sowohl die republikanischen wie die demokratischen Kandidaten. Wenn ihr meint, das Ostküsten-Banker-Mafia-Establishment habe schon Übles angerichtet, dann wartet mal ab, was das Mittelwesten-Südstaaten-Drogen-Mafia-Kartell für uns auf Lager hat. Stellt euch auf weitere Bombenanschläge, Terrorismus und den heraufziehenden Polizeistaat ein . . . Wahre Christen, seid bereit für die kommende Verfolgung und das Martyrium." Rechte und Rechtgläubige, Linke und Leichtgläubige, Anhänger von Louis Farrakhans "Nation of Islam", die der Regierung anlasten, mit dem Aids-Virus die Ghettos "säubern" zu wollen, und weiße Survivalisten, die in Furcht vor einer "zionistischen Okkupationsregierung" leben, desillusionierte Weltraumfans, die die Mondlandung für eine in Hollywoodstudios hergestellte Fälschung halten, und überzeugte Ufologen, die mit Filmchen von der vertuschten Obduktion eines galaktischen Gefangenen aufwarten Gigabyte für Gigabyte überschwemmen Konspirationstheorien die Netze.
"Im Internet erfreuen sich Diskussionen über Konspirationen einer blühenden Leserschaft", stellte ein Cyberreporter der Los Angeles Times erstaunt fest. Und das Heimatblatt der Microsofties, die Seattle Times , empfahl: "Wenn Sie glauben, daß die Regierung in der Wirklichkeit ziemliche Prügel bezieht, schauen Sie mal in den Cyberspace." Der britische Observer tat es und fand: "Das Netz ist verstopft mit Paranoia, von JFK, Nixon und der CIA bis zu Außerirdischen." Das alles wiederum, dürfen wir vermuten, kann kein Zufall sein.
Nachdem Detektiv Philip Vannatter überwacht hatte, wie dem des Doppelmordes verdächtigten O. J. Simpson auf der Polizeistation eine Blutprobe abgenommen wurde, sollte der erfahrene Veteran der Mordkommission das Röhrchen dort zu den Beweismitteln legen. Statt dessen steckte er es ein, stieg in sein Auto und fuhr durch die Gegend. Zwei Stunden später und über dreißig Kilometer von der Polizeistation entfernt, trug er es dann in O. J. Simpsons Haus in Brentwood. Dort händigte er das Blut dem Kriminologen Dennis Fung aus - behaupteten Vannatter und Fung unter Eid.
Doch TV-Videobänder, die von Simpsons Verteidigern präsentiert wurden, zeigten eindeutig, daß Dennis Fung das Haus verlassen hatte, ohne etwas in der Hand zu tragen. Zudem kam heraus, daß einiges Blut aus dem Röhrchen fehlte, während in Simpsons Haus neue Blutspuren entdeckt wurden. "Ich hoffe zu Detektiv Philip Vannatters eigenem Besten", schrieb Robert Wright in The New Republic, "daß er versucht hat, Beweismittel zu fälschen, denn die einzige andere Erklärung für sein Verhalten ist Idiotie."
Doch natürlich zog das angesehene liberale Blatt die Konspirationstheorien, die sich um den Mordfall ranken, nicht wirklich in Erwägung. Vor die Wahl gestellt, sich zwischen Insider-Konspiration und Inkompetenz entscheiden zu müssen, neigte man gleich dem überwiegenden Rest der Massenmedien der realistischer scheinenden Annahme zu, daß es sich bei Vannatter und seinen Kollegen vom Los Angeles Police Department um komplette Idioten handelte.
Millionen von schwarzen Amerikanern hingegen hegten wenig Zweifel daran, daß rassistische und untereinander verschworene Polizeibeamte Simpson durch falsche Beweise reingelegt hatten. Sie fanden in den seriöseren Publikationsorganen Aufmerksamkeit allenfalls als Zielscheibe für Spott oder als Objekt herablassender Psychologisierungen, und das selbst dann noch, als klar wurde, daß der zweite Hauptermittler, Detektiv Mark Fuhrman, nicht nur an die Überlegenheit der weißen Rasse glaubt, sondern auch, um seinen Rassismus zu vertuschen, im Zeugenstand einen Meineid geschworen hatte.
Korrigiert wurde die mediale Mißachtung der wuchernden Konspirationstheorien erst nach vielen Monaten, als der Freispruch und das Auftreten der Juroren in den Talk-Shows unübersehbare Fakten schufen. Wenig anders erging es übrigens der "Gegenseite" in Volkes unerhörter Stimme, den ebenfalls nach Millionen zählenden weißen Suprematisten, denen die Frage der Beweisfälschung schnurzpiepegal ist, weil für sie die Schuld des schwarzen Sporthelden bereits zweifelsfrei dadurch bewiesen ist, daß er eine weiße Frau geheiratet und mit ihr Kinder gezeugt hatte.
Allzu sorgfältig filtern die Massenmedien eben alles Extreme aus, allzu manipulierend zwängen sie unangenehme Tatsachen in das Korsett einer durchschnittlichen Common-sense-"Objektivität", die vielen ihrer Leser und Zuschauer höchst unvernünftig scheint. Immer mehr Amerikaner, die jenseits des akzeptierten Mittelbereichs denken und die sich auf diese Weise täglich mundtot gemacht sehen, strafen die etablierten Publikationsorgane deshalb mit Mißachtung und weichen in alternative Medien aus, wo sie sich Gehör verschaffen können oder wo wenigstens extreme Ansichten wie die ihren eine Rolle spielen dürfen: in das Untergrundnetzwerk rechtsradikaler Videos, auf die agressiven Talk-Radio-Sender, in die hemmungslosen Day-Time-TV-Talk-Shows, auf verantwortunglos subjektive Kabelkanäle wie MTV oder Comedy Central.
Keine andere Ausweichmöglichkeit bietet sich heute allerdings so nachdrücklich an wie der Cyberspace mit seiner weitgehend unregulierten Freiheit. Gleich den globalen Gemeinden der Wissenschaftler und Finanzexperten haben auch die geographisch zerstreuten Anhänger obskurer Theorien bald erkannt, daß die Netze auf einmalige Weise ihren Basisbedürfnissen entgegenkommen: Sie erlauben die schnelle Kommunikation innerhalb der eigenen Gruppe und eine billige Verbreitung von Daten und Erkenntnissen an die weitere Sympathisantengemeinde.
Der Cyberspace ist für die Konspirationsfans am Ende des 20. Jahrhunderts, was am Ende des 19. das Hinterzimmer und das Flugblatt waren: Versammlungsort und Publikationsmittel zugleich. "Die Leute, die am meisten von diesem neuen Medium angezogen werden", meinte Time einmal, "sind Typen von den Rändern, die aus dem einen oder anderen Grunde das Gefühl haben, daß ihr Gedankengut in den Mainstream-Medien nicht ausreichend repräsentiert wird."
Längst jedoch sind diesem harten Kern von Konspirationstheoretikern religiöser oder politischer Provenienz, wie es sie zu komplizierteren Zeiten stets gab, in Scharen die Normalbürger gefolgt - auf der Suche nach jener "Ausdeutung" der Geschehnisse, die ihnen die offiziellen Versionen verweigern. In den Netzen hat sich binnen weniger Jahre eine Gegenöffentlichkeit hergestellt, eine Vielzahl verschworener und eine noch größere Zahl flüchtiger, sich ad hoc bildender Gemeinschaften. Sie erlauben Hunderttausenden, wenn nicht Millionen von Außenseitern, vereinzelten und verzweifelten, enttäuschten und irritierten, nach ihren eigenen Regeln zu reden und sich gemeinsam ihre esoterischen Weltbilder zurechtzuzimmern. Deren strukturelle Ähnlichkeit mit voraufklärerischen Mythen muß ja nicht nur gegen sie sprechen.
Nach den Kriterien des etablierten Journalismus freilich machen im Cyberspace die Leserbriefschreiber die Zeitung, eine Sorte Mensch, die den Profis schon immer als wichtigtuerisch und querulantisch galt, und entsprechend nimmt sich das Ergebnis auf den ersten Blick aus: ein chaotisches Stimmengewirr. Doch gerade die Schrillheit, der Obskurantismus, die augenfällige Neigung zum Konspirationsdenken lassen sich unschwer als Reaktion auf die Sinnentleerung in den Massenmedien erkennen: Diese monströsen Effekte müssen doch einen ebenso monströsen Grund haben! rufen die Konspirationsgläubigen trotzig aus und vermuten mit pragmatischer Sturheit hinter schrecklichen Ereignissen auch schreckliche Menschen mit schrecklichen Absichten.
Indem sie, statt sich mit ihrem Unverständnis abzufinden, nach einer sinnvollen Wahrheit suchen, fahnden die Verschwörungsfans, frustriert von der Zusammenhangslosigkeit dessen, was auf sie einstürmt, nach intellektueller Beruhigung. Um sie zu erlangen, ist der populistische Forschungswille zum Außenseitertum bereit. Weit weicht er vom Pfad des Akzeptierten ab und schreckt nicht davor zurück, dem Weltenchaos wenn nötig seinen Sinn gewaltsam beizubringen. "Die wunderbare Sache an einer Konspirationstheorie ist, daß sie einem erlaubt, alles perfekt zu verstehen", sagt der Politologe Michael Barkun. "Sie verrät dir, daß alles Böse in der Welt auf eine einzige Ursache zurückgeht, und diese Ursache sind SIE, wer immer das jeweils sein mag."
In der Zwanghaftigkeit des Verschwörungsdenkens, das ein verstreutes Faktum nach dem anderen aus dem Datendickicht klaubt, es in einen kausalen und scheinbar logischen Zusammenhang stellt und dabei anonyme historische Prozesse zum Machwerk eines personifizierbaren Bösen vereinfacht, offenbart sich allerdings utopisches Potential: Während die Mehrheit der Medienkonsumenten längst vor dem kunterbunten Wort- und Bildsalat kapituliert und sich dem dumpfen Dämmern ergeben hat, bestehen die Konspirationsgläubigen mit verblüffendem Optimismus darauf, daß eine sinnvolle Erklärung des alltäglichen Wirrsinns möglich sein müsse.
Verstärken mag beiderlei Neigung, die zur intellektuellen Resignation und die zur Konstruktion zwanghafter Sinnhaftigkeit, das jeweilige Medium. Daß das gedruckte Wort eine lineare Form von Rationalität befördert, der die Vielschichtigkeit der modernen Lebenswelt als Unordnung erscheint, ist ebenso vielfach beobachtet worden wie der Umstand, daß die Bilderflut des Fernsehens die Neigung zu intellektueller Beliebigkeit und Passivität erzeuge. Unter einer solchen Perspektive muß Cyberspace - das Usenet mit seinen unendlich verästelten Diskussionen, deren graphische Darstellung an die wuchernden Stammbäume des Hochadels erinnert, und erst recht das World Wide Web, dieses globale Spinnengewebe aus Hypertext-Links - die Ansicht fördern, hinter dem farbigen Oberflächengeschehen lauere ein graues Netz verborgener Verbindungen, eine wahre Ursache eben. "Wenn man den Techno-Evangelisten glaubt", schreibt Jim McClellan, "geht es im Internet darum, alles mit allem zu verbinden. Und auf ihre besondere Weise wollen ja auch die Konspirationstheoretiker alles mit allem verbinden."
Eine solche Vermutung, die von der vernetzten Struktur des Mediums auf psychische und intellektuelle Effekte schließt, welche die Springflut an Konspirationstheorien im Cyberspace zumindest verstärken, wird durch Beobachtungen zur Kommunikationssituation gestützt. Der elektronische Kontakt führt aus der privaten Einsamkeit in eine globale Ortslosigkeit, die die gewohnten sozialen Orientierungspunkte vermissen läßt.
Er findet zudem in einer technisch hergestellten Dauerdunkelheit statt, durch die gesichtslose Stimmen schwirren, ungesicherte Identitäten, wie sie seit den frühesten Maskenfesten noch stets die Schwächung der sozialen Rollen und damit den Abbau von Hemmschwellen bewirkten. Am besten lassen sich diese Effekte einer Reise durch den Cyberspace denen einer Reise durch den geographischen Raum vergleichen: In beiden Fällen produziert das Heraustreten aus der Normalität, die Gleichzeitigkeit von Entortung und Anonymisierung, intellektuelle Verunsicherung und die Bereitschaft zu Neuorientierung und Experimenten.
Wie kein anderes Medium zuvor befördern die Netze daher eine Öffnung gegenüber ungewöhnlichen und vom normalen Denken abweichenden Ideen. In der gebetsmühlenartigen Rede von der Freiheit und Offenheit des Cyberspace verbirgt sich diese Erfahrung, und in den gewagten Absurditäten, die online als akzeptabel gelten, vom Cybersex bis zu den befremdlichen Diskussionen der Konspirationstheoretiker, manifestiert sie sich mit einer Schamlosigkeit, wie sie an fast allen künstlich erzeugten Orten dominiert, an denen die moderne Menschheit dem Alltag zu entkommen sucht.
Dieser Text ist die stark gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Kursbuch 124 (Rowohlt Berlin Verlag); es trägt den Titel "Verschwörungstheorien" und erscheint am 1. Juli
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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