Verschwörungstheorien im InternetSeite 4/4

Eine solche Vermutung, die von der vernetzten Struktur des Mediums auf psychische und intellektuelle Effekte schließt, welche die Springflut an Konspirationstheorien im Cyberspace zumindest verstärken, wird durch Beobachtungen zur Kommunikationssituation gestützt. Der elektronische Kontakt führt aus der privaten Einsamkeit in eine globale Ortslosigkeit, die die gewohnten sozialen Orientierungspunkte vermissen läßt.

Er findet zudem in einer technisch hergestellten Dauerdunkelheit statt, durch die gesichtslose Stimmen schwirren, ungesicherte Identitäten, wie sie seit den frühesten Maskenfesten noch stets die Schwächung der sozialen Rollen und damit den Abbau von Hemmschwellen bewirkten. Am besten lassen sich diese Effekte einer Reise durch den Cyberspace denen einer Reise durch den geographischen Raum vergleichen: In beiden Fällen produziert das Heraustreten aus der Normalität, die Gleichzeitigkeit von Entortung und Anonymisierung, intellektuelle Verunsicherung und die Bereitschaft zu Neuorientierung und Experimenten.

Wie kein anderes Medium zuvor befördern die Netze daher eine Öffnung gegenüber ungewöhnlichen und vom normalen Denken abweichenden Ideen. In der gebetsmühlenartigen Rede von der Freiheit und Offenheit des Cyberspace verbirgt sich diese Erfahrung, und in den gewagten Absurditäten, die online als akzeptabel gelten, vom Cybersex bis zu den befremdlichen Diskussionen der Konspirationstheoretiker, manifestiert sie sich mit einer Schamlosigkeit, wie sie an fast allen künstlich erzeugten Orten dominiert, an denen die moderne Menschheit dem Alltag zu entkommen sucht.

Dieser Text ist die stark gekürzte Fassung eines Beitrags aus dem Kursbuch 124 (Rowohlt Berlin Verlag); es trägt den Titel "Verschwörungstheorien" und erscheint am 1. Juli

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