Pierre Bourdieu über: "Die Demokratie braucht Soziologie"
Der französische Soziologe vom Collége de France warnt: Laßt unsere Wissenschaft nicht zur Meinungstechnik verkommen. Die Gesellschaft braucht Kritik und Utopie.
Wie meine Fachkollegen bin ich davon überzeugt, daß die Soziologie zu demokratischem politischem Handeln ihren Beitrag leisten kann: zu einer Regierung aller Bürger, die geeignet ist, auch das Glück aller Bürger zu gewährleisten. Ich möchte mit diesem Text andere dazu bringen, diese Überzeugung zu teilen (selbst wenn ich damit meine Kräfte etwas überschätze).
Die Sozialwissenschaften sind in der gesellschaftlichen Wirklichkeit präsent, wenn auch häufig in mehr oder weniger entstellter Form; wer sich über die Demokratie Gedanken macht, wird jene einbeziehen müssen. Es vergeht beispielsweise kein Tag, ohne daß Wirtschaftler oder Ökonomen zitiert werden, um Entscheidungen der Regierung zu rechtfertigen. Die Soziologie hingegen wird seltener hinzugezogen. Nur in Krisensituationen, angesichts "sozialer" Probleme - als ob alle anderen dies nicht wären! - wie derzeit die Frage der Universitäten oder der Vorstädte, wendet sich das Publikum, besonders die Medien, an Soziologen. Nun steht demokratische Politik vor der modernen Form einer sehr alten Alternative - einerseits der Philosophenkönig, der aufgeklärte Alleinherrscher, und auf der anderen Seite der Demagoge. Anders ausgedrückt, vor der Wahl zwischen Arroganz des Technokraten, die vorgibt, alle Menschen glücklich zu machen, auch ohne oder gegen ihren Willen, und der Willfährigkeit des Demagogen, die einfach der Nachfrage gehorcht, ob es nun in Marktumfragen, Einschaltquoten oder Popularitätskurven sichtbar wird. Eine wirklich demokratische Politik sollte sich dieser Alternative entziehen.
Auf die Konsequenzen des technokratischen Irrtums, der eher im Namen der Wirtschaft begangen wird, will ich nicht näher eingehen. Dazu müßte man genau aufführen, welchen Preis die Gesellschaft an Leiden und Gewalt, aber auch ökonomisch für alle Wirtschaftsformen bezahlt, die im Namen einer eingeschränkten, verstümmelten Definition von Ökonomie durchgesetzt werden. Nur sollte man bedenken, daß es ein Gesetz der Erhaltung der Gewalt gibt. Wenn man die offen sichtbare Gewalt ernsthaft verringern will, die Verbrechen wie Diebstähle, Vergewaltigungen, sogar Attentate, muß man darauf hinwirken, die - jedenfalls von den Zentralen oder Orten der Herrschaft aus - unsichtbar bleibende Gewalt insgesamt zu verringern, wie sie tagtäglich überall in Familien, Fabriken, Werkstätten, Kommissariaten, Gefängnissen und sogar in Krankenhäusern oder Schulen ausgeübt wird. Sie ist Ergebnis der "trägen Gewalt" von Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen und von gnadenlosen Mechanismen, die ihre Reproduktion begünstigen.
Ich möchte indessen den Akzent auf den zweiten Teil der Alternative legen, auf den demagogischen Irrtum. Die Fortschritte der Sozialtechnologie - die auf keinen Fall mit der Sozialwissenschaft zu verwechseln ist, deren Instrumentarium sie sich manchmal bedient - sind so groß, daß die offensichtliche, aktuelle, punktuelle und ausdrücklich erklärte Nachfrage genauestens bekannt ist: Es gibt Techniker der dóxa, der Meinung. Diese Meinungs- und Umfragenhändler sind die heutigen Nachfahren jener Scheinwissenschaftler des äußeren Anscheins, die Platon treffend Doxosophen nannte.
Die Sozialwissenschaft ruft dagegen in Erinnerung, daß ein Verfahren wie die Umfrage Grenzen kennt, weil, wie bei einer Abstimmung, nur aggregierte Meinungen berücksichtigt werden. Daher kann sie ein zweckmäßiges Instrument demagogischen Handelns werden, unmittelbar gesellschaftlichen Kräften unterworfen. Die Sozialwissenschaft macht sichtbar, daß eine Politik, die nur die offensichtliche Nachfrage bedient, ihr eigenes Ziel verfehlt: Das bestände nämlich darin, Zwecke zu definieren, die dem wirklichen Interesse einer Mehrheit entsprechen. Die oben beschriebene Politik hingegen ist nichts anderes als eine kaum verhüllte Form des Marketing. Die "demokratische" Illusion über die Demokratie besteht darin, zu vergessen, daß es Zugangsbedingungen gibt für die konstituierte und öffentlich formulierte politische Meinung: " Dóxazein, zustimmen", sagte Platon, "heißt sprechen", also zum Diskurs erheben. Und wir alle wissen, daß nicht alle gleich sind vor der Sprache. Die Wahrscheinlichkeit, daß man auf eine Meinungsfrage antwortet - besonders wenn es um ein politisches Problem geht, das die politische Welt als solches definiert hat -, unterscheidet sich sehr zwischen Männern und Frauen, Gebildeten und Ungebildeten, Reich und Arm. Folglich verbirgt sich hinter der formalen Gleichheit der Bürger eine tatsächliche Ungleichheit. Die Wahrscheinlichkeit, eine Meinung zu haben, birgt in sich ebenso viele Unterschiede wie die Wahrscheinlichkeit, diese auch durchsetzen zu können als tätige Meinung.
Wissenschaft klärt auf über die Mittel, nicht über die Ziele. Sobald allerdings von Demokratie die Rede ist, liegen die Ziele auf der Hand: Die wirtschaftlichen und kulturellen Zugangsbedingungen zur politischen Meinung müssen allgemein verfügbar gemacht, also demokratisiert werden. Einen entscheidenden Platz nimmt dabei die Bildung ein, die Grund- und die Weiterbildung. Sie ist nicht nur Voraussetzung für den Zugang zu Arbeitsplätzen und gesellschaftlichen Positionen, sie ist die Hauptvoraussetzung für die echte Ausübung der bürgerlichen Rechte.






