Aufstieg in die erste Liga

Wenn an diesem Freitag mit einer Feier am Vormittag und einem Konzert am Abend das Freiburger "Konzerthaus" eröffnet wird, gibt es nur Gewinner. Freiburg, die Stadt, gewinnt ein städtebauliches Bindeglied zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt. Freiburg, der Wirtschaftsstandort, gewinnt ein Kongreßzentrum mit moderner Technik, herausragender Architektur und hervorragender Verkehrsanbindung mit ICE-Bahnhof direkt vor der Tür, einem Busbahnhof und Haltestellen der Stadtbahn vis-a-vis. Freiburg, die Universitätsstadt mit 30 000 Studenten, gewinnt ein vielfältig nutzbares Gebäude, das sich zu einem Kultur- und Wissenschaftszentrum entwickeln kann. Die Region im Dreiländereck Frankreich/Schweiz/Deutschland - von Colmar und Mulhouse bis Straßburg, von Basel bis Zürich und Bern, von Baden-Baden bis Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg - gewinnt einen markanten Punkt mit starker Ausstrahlung.

Die Erwartungen scheinen nicht übertrieben: Wenn das Konzerthaus wie geplant funktioniert, kann es zu einem Modell werden von kommunalen und regionalen Interessen und nationalem und internationalem Anspruch.

Genutzt wird der Bau, den der Berliner Architekt Dietrich Bangert entworfen hat, von Freiburgs Philharmonischem Orchester, dem Sinfonieorchester des Südwestfunks (SWF) und verschiedenen Konzertveranstaltern.

Betrieben und vermietet wird es von der städtischen Wirtschaft und Touristik GmbH.

Mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks zieht eines der bedeutendsten Orchester der Republik ins neue Haus - ein öffentlich-rechtlicher Klangkörper, der weltweit gefeiert wird, der mit seinem Chefdirigenten Michael Gielen seine Aufgabe als Rundfunkorchester ernst nimmt, deshalb viel moderne Musik spielt und wichtige Impulse für das aktuelle Musikleben gibt der mit intelligenten Programmen die Zuhörer fesseln und anregen und nicht mit wohligen symphonischen Klängen einlullen will der gerade wegen seiner anspruchsvollen Programme auch auf dem Plattenmarkt zunehmend präsent ist.

Wenn die Akustik des Großen Saals wirklich so gut ist, wie die Akustiker und Ingenieure versprechen, finden die Musiker hervorragende Bedingungen vor. Der Saal ist 47 Meter lang, 19 Meter breit und 17,5 Meter hoch und hat damit die von Experten für optimal erachteten Proportionen eines Schuhkartons. Die Nachhallzeit wurde auf 1,9 bis 2,1 Sekunden berechnet, der Schalldämmwert nach außen beträgt mindestens siebzig Dezibel, was hoffentlich das einzige Störmoment gering halten wird: Wenige Meter vom Konzerthaus entfernt rollt die Stadtbahn.

Die sehr guten akustischen Eigenschaften des Großen Saals sind auch deshalb so wichtig, weil das SWF-Orchester dort an hundert Tagen im Jahr nicht nur probt und konzertiert, sondern auch produziert - Aufnahmen, die im Radio gesendet werden oder als CD erscheinen.

Allein in die Ton- und Regietechnik hat der Südwestfunk zweieinhalb Millionen Mark investiert.

Ob und wie der Große Saal klingt, kann man freilich nach dem Eröffnungskonzert mit dem Freiburger Philharmonischen Orchester und Schönbergs "Gurre-Liedern" noch keineswegs endgültig sagen. Denn der Saal mit seinen etwa 1800 Plätzen kann vielfältig verändert werden.

Im Normalfall, der traditionellen "Konzertnutzung", sind die ersten 9 Reihen eben und die folgenden 24 Reihen jeweils ansteigend.

Auf einem hinteren Rang gibt es weitere 300, auf den seitlichen Emporen jeweils 185 Plätze. Das Parkett kann jedoch auch angehoben und auf die Höhe der Bühne hochgefahren werden. So entsteht eine einzige, durchgehende Ebene, die noch vergrößert werden kann, wenn die drei Seiten zu den umgebenden Foyers, zum Beispiel für Bälle und Bankette, geöffnet werden. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es zahlreiche Saal- und Bühnen-Varianten mit unterschiedlichen Staffelungen ("parlamentarische Nutzung", "Weinbergnutzung"), Unterteilungen oder Erweiterungen.

Darüber hinaus können die Emporen hochgezogen und weggeklappt werden, und jedesmal werden sich die akustischen Eigenschaften des Saals ändern. Technik vom Feinsten also, zumal ein Bühnensegment zwei Geschosse tief abgesenkt und Orchesterpodeste oder große Instrumente in wenigen Augenblicken auf die Bühne gebracht werden können. Das macht zügige Umbauten - für abwechselnden Tagungs-, Proben- und Konzertbetrieb unerläßlich - möglich. Ein Schelm, der gleich laut unkend hofft, daß die Technik auch klappt wie geplant - in zu unguter Erinnerung sind noch die Erfahrungen der Münchner Oper, die mit ihrer hypermodernen Technik monatelang Probleme hatte.

Was im Konzerthaus wie eine Spielerei anmutet, eröffnet einem Sinfonieorchester neue Möglichkeiten: Selbst die ungewöhnlichste Aufstellung der Instrumente und Instrumentengruppen ist im Raum und in der Höhe durchaus denkbar. So darf endlich daran gedacht werden, Werke speziell für diesen Saal zu komponieren, in dem auch die Bestuhlung variabel ist: Selbst bei einem weniger gut besuchten Konzert werden mit geschickter Plazierung der Stühle die Zuhörer nicht den Eindruck bekommen, in einem halbleeren Saal zu sitzen.

Am folgenden Freitag wird dann auch das SWF-Sinfonieorchester zum ersten Mal in diesem Raum spielen. In einem von Alicja Mounk und Fritz Lang dirigierten Ars-nova-Konzert mit Werken von Mathias Spahlinger, George Antheil, György Kurtág und Igor Strawinsky sollen die vielen Möglichkeiten des Saals ausgelotet werden.

Geradezu programmatisch das Thema des Konzerts: "La mécanique".

Zehn Jahre und achtzehn Gemeinderatsabstimmungen hat es gedauert, um das Konzerthaus kommunalpolitisch durchzusetzen. In einem Bürgerentscheid stimmten die Einwohner zwar gegen das Projekt. Da jedoch die Wahlbeteiligung nicht hoch genug war, setzte sich der Gemeinderat über dieses Votum hinweg. Jetzt, da der Bau steht, ist die Kritik an dieser vermeintlich protzigen Repräsentativ-Kultur verstummt. 147 Millionen Mark hat das Gebäude gekostet - 46 Millionen Mark kommen vom Land Baden-Württemberg, den Rest zahlen die Stadt und verschiedene Stiftungen. Folgekosten: knapp sieben Millionen Mark. Das Haus wurde vor allem wegen der aufwendigen Technik so teuer. "Ein Tagungshaus in der gleichen Größe hätte weniger als die Hälfte gekostet", sagt Bernd Dallmann, der Geschäftsführer der städtischen Freiburg Wirtschaft und Touristik GmbH, der Betreibergesellschaft.

Dallmann ist, selbstverständlich, an einem florierenden Kongreß- und Tagungstourismus interessiert andererseits erkennt er die kulturellen Impulse, die vom Konzerthaus ausgehen müssen. "Da wir keine Veranstalter sind und das Haus nicht einfach nur vermieten wollen, haben wir uns nach einem kulturellen Koordinator umgeschaut, der freiberuflich bei uns tätig sein wird." Die Wahl fiel auf Mathias Weigmann, den Manager des SWF-Orchesters: "Er koordiniert die verschiedenen Veranstalter und wird versuchen, eine Absprache in das Haus zu bringen, so daß es nicht zu bunt durcheinandergeht."

Der "heimliche Intendant", wie er in der Badischen Zeitung genannt wurde, hat keinen eigenen Etat und damit letztlich keine Macht.

Seine Koordinierungsarbeit ist heikel und erfordert viel Fingerspitzengefühl.

Denn vor allem die nicht so berühmten Freiburger Philharmoniker, die ebenfalls im Konzerthaus spielen werden, befürchten, vom erstklassigen SWF-Orchester ins künstlerische Abseits gestellt zu werden. Doch Weigmann setzt auf Konsens: "Die Arbeit kann nur erfreuliche Aspekte bekommen, wenn jeder seinen Erfolg in diesem Haus bekommt." Also müssen alle dem Publikum zeigen, daß jeder Veranstalter seine eigenen Stärken hat. "Wir müssen es zu unserer Aufgabe machen, eine übergreifende Dramaturgie zu finden", sagt Weigmann, der den Ruf hat, ein seriöser und geschickter Vermittler und Verhandler zu sein. "Was das Verhältnis der beiden Orchester anbelangt, wird es meine Aufgabe sein, Argumente aus dem Weg zu räumen, die für das Philharmonische Orchester der Stadt Freiburg als bedrohlich gelten könnten."

Weigmann setzt bei seiner "übergreifenden Dramaturgie" auf die musikalischen Stärken und Traditionen Freiburgs: Die Musikhochschule genießt einen hervorragendenn Ruf es gibt einige sehr gute Chöre und Ensembles das elektro-akustische Studio der Strobel-Stiftung wird von Komponisten wie Veranstaltern gleichermaßen heftig umworben.

"Wir sind in der Lage", sagt der Koordinator, und man kann ihm nicht widersprechen, "Musik aus den verschiedenen Jahrhunderten in optimaler Besetzung auf dem dafür erforderlichen künstlerischen Niveau aufzuführen."

Mathias Weigmann hat (zusammen mit Klaus Zehelein, dem derzeitigen Operndirektor in Stuttgart) einst an der Frankfurter Oper die berühmte "Gielen-Ära" mitgestaltet und -verantwortet. Und so kann und darf man seine programmatischen Überlegungen für das Freiburger Konzerthaus nicht als wohlklingende, aber doch unverbindliche Rhetorik abtun. Zumal er auf Qualität und nicht auf Quantität setzt: "Wir werden auch bei größtem Erfolg eine Schwelle von vierzig, sechzig, vielleicht achtzig Konzerten im Jahr nicht überschreiten können. Also können wir mehr probieren und produzieren. Wir wollen keinen Gastierbetrieb im Konzerthaus aufziehen, sondern mit den Freiburger Klangkörpern allmählich ein sehr interessantes Musikprogramm finden."

Auch medienpolitisch ist die Eröffnung des Konzerthauses in Freiburg von großer Bedeutung. In der Vergangenheit war das SWF-Orchester zwar in den wichtigen Musikzentren der Welt präsent und erfolgreich, aber nicht in Baden-Baden, wo es keinen geeigneten Saal gibt.

Geprobt und produziert wurde unter beengten Verhältnissen und praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit im Rosbaud-Studio.

Jetzt, mit dem Umzug ins Konzerthaus nach Freiburg, ist die Existenz, die seit den medienpolitischen Aktivitäten Lothar Späths über eine Fusion des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart mit dem Südwestfunk diskutiert wird, für die nächsten zehn Jahre - so lange läuft der Mietvertrag - gesichert, wird das Orchester stärker in Baden-Württemberg verankert und kann sich ein neues, eigenes Publikum aufbauen.

Michael Gielen, seit zehn Jahren Chefdirigent des SWF-Orchesters, führt den Erfolg des Ensembles auf die konsequente inhaltliche Arbeit der vergangenen Jahre zurück, die nur ein öffentlich-rechtliches Orchester leisten könne: "Wer jede Woche etwas ausspucken muß, hat wenig Proben." Und er warnt vor zu populären, zu glatten Programmen: "Den Trend vieler Rundfunkorchester, dasselbe zu spielen wie die kommerziellen Orchester, halte ich für Unsinn: Dann sind sie keine Rundfunkorchester mehr. Das Spezifische ist ja das Mäzenatenhafte.

Und obwohl unser Intendant sagt, ein Mäzenatentum könne sich der Rundfunk nicht mehr leisten, meine ich, daß er sich das leisten muß. Denn das ist die tiefere Existenzberechtigung eines Rundfunkorchesters."

Wie groß der Rückhalt ist, den Gielen und das SWF-Orchester haben, zeigte sich gerade bei dem Versuch, die vom Südwestfunk veanstalteten Donaueschinger Musiktage nicht mehr jährlich, sondern in einen zweijährigen Turnus zu veranstalten. Der Grund: fehlende 300 000 Mark. Weltweit wurde protestiert, und nicht nur von der Avantgarde-Lobby.

In Freiburg beginnt also an diesem Freitag eine neue Ära. Mit dem Konzerthaus kann sich in kurzer Zeit ein Zentrum entwickeln, das weit über den Südwesten hinausstrahlt. In einer Zeit, in der überall von Sparen und kulturellem Kahlschlag geredet wird, entsteht ein Kristallisationspunkt. Wenn die Mischung aus kulturellen Veranstaltungen, Tagungen und Kongressen stimmt und die Freiburger "ihr" Konzerthaus annehmen, wird sich bald zeigen, daß sich Kultur-Investitionen immer lohnen. Geld ist ja allen Unkenrufen zum Trotz vorhanden.

Es kommt nur darauf an, wofür man es ausgibt. In Baden-Baden werden gerade mit dem Neubau eines unsinnigen Festspielhauses Millionen verplempert, in Freiburg wird jetzt das Konzerthaus mit Inhalt gefüllt. Und an den Inhalten, nicht an der Fassade wird man das Konzerthaus künftig messen. Optimismus ist angebracht.

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von Eckhard Roelcke
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 27/1996
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service