MÜNCHEN. - Jedes Kind hat ein Recht auf Eltern. Diese Grundmaxime ist sowohl im UN-Zivilpakt als auch im europäischen Menschenrecht verankert. Freilich geht sie nicht nur in den meisten Scheidungswirren unter, auch viele deutsche Richter beachten sie kaum. "Hier in Deutschland gilt deutsches Recht - und damit basta" ist ihre Devise.

Falsch, denn seit der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) gilt dieser Teil des Völkerrechts auch bei uns. Und wer dieses Recht ignoriert, tut unendlich vielen Eltern und Kindern unrecht. Zumal jenen ausländischen Müttern oder Vätern von deutschen Kindern, die mit einem deutschen Elternteil in der Bundesrepublik leben. Daß viele dieser deutschen Mütter oder Väter ihre Kinder widerrechtlich "heim ins Reich" geholt haben, stört dabei nur die ausländischen Gerichte. Die Deutschen, allen voran ihr Bundeskanzler, mögen zu den glühendsten Europäern gehören, für die das Ende des Nationalstaats nur noch eine Frage des Datums ist. Wenn es aber um unmündige Kinder geht, entpuppen sich Mitarbeiter deutscher Gerichte als rüde Nationalisten.

Seit die totale Freizügigkeit innerhalb der EU herrscht, werden auch immer mehr Ehen zwischen EU-Bürgern geschlossen. Einige davon enden in der Scheidung und der Rückkehr eines Partners in sein Heimatland. Wo und mit wem sollen die Kinder leben? Das Haager Übereinkommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung (HKiEntÜ), das in Deutschland 1990 rechtskräftig geworden ist, sagt klipp und klar: Nationale Beweggründe dürfen bei dieser Entscheidung keine Rolle spielen. Die Übereinkunft wurde von allen EU-Staaten unterzeichnet sie wird von allen Ländern als verbindlicher Kodex anerkannt, nach dem Sorgerechtskonflikte gelöst werden sollen. Also Friede und Freundschaft überall? Leider nicht.

Wenn ein Kind von Vater oder Mutter - vor oder nach einer Sorgerechtsentscheidung - entführt wird, dann muß das Kind (gemäß dem Haager Übereinkommen) wieder zurück an den Ort des früheren gewöhnlichen Aufenthaltes.

Über das Schicksal des Kindes soll also dort entschieden werden, wo bislang sein Lebensmittelpunkt war. Das klingt zwar vernünftig und logisch, wird aber nicht überall befolgt. Welche Ironie: Am ehesten halten sich noch die größten Europazauderer daran, die Engländer, am wenigsten die größten Europaenthusiasten, die Deutschen.

Wenn ein deutscher Vater oder eine deutsche Mutter ihre Kinder aus England oder Frankreich entführt und nach Deutschland bringt, wird kaum ein deutsches Gericht die höchstrichterliche englische oder französische Sorgerechts- und/oder Rückführentscheidung respektieren.

Warum nicht? Das Gericht argumentiert mit dem Kindeswohl. Damit verstößt es aber gegen das Haager Entführungsübereinkommen und jüngste Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Und wie begründet der deutsche Richter diesen Verstoß? Ganz einfach: nationalistisch.