CD-Kritik: John Wall: Alterstill
UtterPsalm/A-Musik, Tel. 0221/510 75 91
Kann Samplekunst mehr sein als eklektisch zusammengebastelter Wohlklang?
Die Liste der auf "Alterstill" verwendeten Tonfragmente ist lang, und die Urheber sind ein erlesener Querschnitt durch das 20. Jahrhundert. John Wall läßt die Werke zeitgenössischer Komponisten mit Death metal und freier Improvisation im virtuellen Raum des Samplers kollidieren.
Ein Jahr lang hat er nur gehört. In endlosen Sitzungen hat er Teilstücke aus einer kaum überschaubaren Menge von Tonträgern extrahiert, um sie dann im Computer weiterzubearbeiten.
Anders jedoch als im Techno, HipHop und in den meisten gesampelten Musiken dieser Tage benutzt John Wall diese Technik nicht, um den Herstellungsprozeß provokativ in den Vordergrund zu stellen. Der Engländer gehört wie David Toop und Paul Schütze zu einem Kreis "moderner Visionisten", für die der Computer ein Werkzeug ist.
Back Door, Norgard, Carcass, Cooder, Braxton, Dolden, Dowland, De Mey, Eastley, Hyla, Chagas, Feldman, Karpen, Anonymous Medieval.
In Walls Kompositionen sind die Samples nicht voneinander unabhängige Ereignisse, sondern Teile einer abstrakten Theateraufführung: Episoden, eingebettet in vieldimensionale elektronische Klangschichtungen. Gezupfte Baßtöne hasten abwärts, ein Gesangsintervall, vielleicht aus einer Arie, ist noch nicht verhallt, da bricht ein gewaltiger, ins Übernatürliche enthobener Piano-Donner herein. Streicher schieben sich sanft nach vorn, um dann doch nur in der zweiten Reihe zu tanzen.
- Datum 28.06.1996 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







