Pooh's Corner von Harry Rowohlt

Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand von Harry Rowohlt

Was treibt dieser Typ eigentlich im ZEIT-Feuilleton? So hört man immer wieder fragen.

Er hält das ZEIT-Feuilleton satz- (vulgo druck-) fehlerfrei, weil er alle nur irgend möglichen Satz- (vulgo Druck-) Fehler anzieht und bündelt, so daß alles andere aussieht wie frisch gejätet und gestutzt, und nur dieser kleine Eckenkasten mulmt vor sich hin wie ein Feuchtbiotop.

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"Konjunktivitis heißt Bindehautentzündung und nicht, daß man den Indikativ verachtete", sollte es in Pooh's letzter Corner heißen; geheißen hat es statt dessen "Konjunktivität . . .", womit das ZEIT-Korrektorat wohl auf die Kontinuität seines Wirkens hinweisen wollte. Aber man darf den KorrektorInnen (und LektorInnen und RedakteurInnen) das nicht verargen. Ich habe nämlich zufällig herausgefunden, daß sie, wenn sie noch ganz klein sind, Kupfervitriol in den Pamps gemischt kriegen, wodurch die Sauerstoffzufuhr der Synapse beeinträchtigt wird, so daß sie später, wenn sie groß sind, nicht wissen, ob sie zum Beispiel Voodoo einfach so stehenlassen können oder ob sie nicht doch lieber Wuduh draus machen, weshalb sie, damit man merkt, daß es sie noch gibt, Woodooh hinschreiben, und zwar so spät wie möglich in die allerletzte Umbruchkorrektur, gegen jeden menschlichen Zugriff gefeit, und wenn man ihnen im kantigen Espressivo vorhält, daß es im Webster's zwischen wood-oil-tree family und wood opal nichts, nichts, aber auch gar nichts gibt, kontern sie, das hätten sie schon immer so gemacht, was besonders bei Leuten eine Unverschämtheit ist, die etwa vierzig Jahre jünger sind als man selbst. Meine Oma hat auch immer alles falsch geschrieben, aber immerhin in ihrer Freizeit, und keinen Beruf draus gemacht.

Ich sitze gerade am äußersten rechten Rand von Thessalien und vermisse meinen Nachbarn Iórgo Smirlis, der mich wg. Ablebens nicht mehr von der Arbeit abhalten kann, worin er ein Meister war, und zwar in special English: "Kháris, come over khere immediately, I khave a brand-new bottle of Shkotz!" Und einmal, mitten in der Nacht, hörte ich eine MC mit Klezmer-Musik, die Kassette brach abrupt ab, weil die Musik von einer Kassette überspielt worden war, aber es wurde nicht still -: Die Klarinette spielte weiter! Ich dachte, da sind sie also, die ehrlich verdienten Hallus, aber es war nur mein Nachbar Iórgo Smirlis, der tränenblind in einer Kommodenschublade seine getreue alte Klarinette gefunden und die ganze Zeit mitgeblasen hatte. Die Sorte Nachbar kann man lange suchen.

Zum Trost lese ich im Baudenbuch den Eintrag des Vormieters, eines Oberforstrats, etwas, was ich auch gern geworden wäre, wenn mein Vater nicht gesagt hätte: "Da muß man aber sehr gut rechnen können."

"Immer neue Entdeckungen", notiert der Oberforstrat, "21 verschiedene Orchideenarten, darunter Besonderheiten wie Busen-Ragwurz (Ophrys mammosa), Zungenstendel (Orchis mascula) und andere Schweinereien. Nur wenige Schlangen, davon gefangen, studiert und freigelassen: Schlanknatter (120 cm), Scheltopusik (eine Schleiche, 80 cm), Hornviper (40 cm). Im Fliegenschrank wohnt eine Gottesanbeterin. Abends Wiener Nachtpfauenaugen (größter europäischer Schmetterling!) und Russischer Bär (Trapezform; weiße Flecken auf schwarzem Grund, rotgelbe Unterflügel). Im Bach landeinwärts Süßwasserkrabben und Aale." Wenn mein Vater nicht so gemein gewesen wäre, hätten wir jetzt aneinandergrenzende Reviere, könnten Russische Bären beringen und würden kopfrechnend durchs Unterholz brechen.

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  • Schlagworte Harry Rowohlt | Peter Rühmkorf | Charles Bukowski
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