Der gute Mensch von Vermont

Das Jahr seines hundertsten Geburtstages ist ein neuer Anlaß zu der alten Frage: Welche Bedeutung hat Carl Zuckmayer für die deutsche Literatur dieses Jahrhunderts? Die Antworten sind immer kontrovers gewesen. Sie reichten von "überhaupt keine" bis zu "er war der wichtigste deutsche Dramatiker dieser Zeit".

Die ersten, die sich jetzt diese Frage stellten, waren die Mitarbeiter des verdienstvollen Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar.

Anzeige

Man sagt, es sei kein leichter Entschluß gewesen. Jedenfalls wurde er erst ziemlich spät gefaßt.

Der Direktor des Archivs und des damit verbundenen Schiller-Nationalmuseums, Ulrich Ott, begrüßte die am 23. Juni saalfüllend erschienenen Gäste - eine Antwort auf unsere Frage zu geben, hatte er keinen Anlaß. Aber auch der Festredner Günther Rühle umkreiste die Frage zwar, aber kam nicht zu einem überzeugenden Schluß. Auf eine Antwort hin arbeiteten zwei junge wissenschaftliche Mitarbeiter, Gunther Nickel und Ulrike Weiß. Sie führten alle Dokumente, deren sie habhaft werden konnten, an den Wänden und in den Vitrinen der Ausstellungsräume vor sie komponierten und schrieben einen Katalog von 523 Seiten, der als erste umfassende Zuckmayer-Biographie gelten darf. Und da es Dokumente sind, die er teils verbindet, teils erklärt, gibt er ein Bild, das durch Gefühle der Zuneigung oder der Abneigung nicht verwirrt ist. Da stehen die "ja, aber . . ."

der Theaterkritik neben den Hymnen vieler Schauspieler und Regisseure, aber auch neben dem Totalverriß eines Theodor Adorno, der dazu beigetragen hat, daß Zuckmayer für viele Intellektuelle, vor allem jedoch für die Jugend der siebziger Jahre kein Thema mehr war.

Ausstellung und Katalog zeigen deutlich, wie das Pendel hin- und herschwang. Als erstes jedoch sieht sich der Besucher konfrontiert mit drei Zeichnungen in großem Format, die der neunzigjährige Kokoschka an drei aufeinanderfolgenden Tagen von dem achtzigjährigen Zuckmayer (der bald darauf starb) gefertigt hatte am Ende die Totenmaske. Wenn jemand erwartet hatte, und deren soll es ja gar nicht wenige geben, hier einem allen Gefühlsduseleien und Fuseltrinkereien offenen Mordskerl zu begegnen, dann macht ihn schon diese erste Begegnung bereit, die Möglichkeit zu erwägen, daß er sich geirrt haben könnte. Den Werbekitsch der Filmplakate ordnet er dann anders ein.

Die jüngere Generation kennt Zuckmayer vor allem aus den Filmen, die nach seinen Dramen und Erzählungen gedreht worden sind oder an denen er mitgewirkt hat. Davon gibt es immerhin 36 - und nicht alle können gut sein. Die heute noch bekanntesten: "Der blaue Engel" (nach Heinrich Mann, 1930), "Des Teufels General" (1954), "Herr über Leben und Tod" (1954), "Der Hauptmann von Köpenick" (1956, mit Heinz Rühmann, der einzige international erfolgreiche deutsche Nachkriegsfilm). Zuckmayers Einstellung zum Film ist der vieler anderer Autoren ähnlich: Einerseits beklagen sie sich über "Verfälschungen" durch Regisseure, andererseits finden sie die Honorare dann doch sehr verlockend.

Der Katalog-Autor Gunther Nickel, jünger als die 68er, aber doch nicht unbeeinflußt von deren Klischee-Zuckmayer, wurde durch seine Arbeit zweimal besonders überrascht. Erstens davon, wie radikal der junge Zuckmayer war. So veröffentlichte er in der sozialistischen Zeitschrift Der Schrey einen "Aufruf an demokratische Schüler", in dem es heißt: "Lieber die Knute als die wohlwollend bremsende Rechtlichkeit der Demokraten. Es gibt keinen Weg zu revolutionärer Verwirklichung als den der Diktatur. Nirgends ist mehr Recht, ihn zu fordern, als bei der revolutionären Jugend. Seid einseitig, seid besessen, seid maßlos, himmelstürmend, es ist immer das Gute, was ihr wollt."

Zweitens staunte der junge Germanist Nickel darüber, wie der Dramatiker Zuckmayer noch im Alter sich den aktuellen Problemen seiner Zeit zu stellen versuchte: dem Kampf gegen die Atomkraft ("Das Kalte Licht", 1955), der Jugendbewegung ("Der Rattenfänger", 1975), allen und jedem ("Die Uhr schlägt eins", 1961).

Es ist oft sinnvoller, nach der Literatur der Zwanzig-, der Fünfzig- oder der Siebzigjährigen zu fragen, als, wie es üblich ist, nach der Literatur der zwanziger, fünfziger oder siebziger Jahre. Im Alter von 28 hatte Zuckmayer seinen Jugendradikalismus längst aufgegeben. Er hatte auch aufgehört, sich der Mode des Expressionismus zu beugen. Ganz unversehens traf man ihn wieder, richtiger: lernten ihn die meisten erst kennen als volkstümlichen Autor, der auch noch im Dialekt seiner rheinhessischen Heimat schrieb.

Wörtlich über Nacht, nämlich vom 22. zum 23. Dezember 1925, wurde der arme und so gut wie unbekannte Dichter reich und berühmt, und das durch die Aufführung seines Stückes "Der fröhliche Weinberg".

Kurioserweise fand die statt in dem gleichen Theater am Schiffbauerdamm, das viele Jahre später als die Bühne Brechts und seines Berliner Ensembles einen großen Namen gewann. Die meisten von uns haben Schwierigkeiten, die Begeisterung, die der "fröhliche Weinberg" damals auslöste, heute nachzuempfinden. Das Stück stand zweieinhalb Jahre auf dem Spielplan und wurde von mehr als hundert Theatern nachgespielt. Wir könnten es uns jetzt allenfalls noch auf einer Freilichtbühne vorstellen, am besten an Zuckmayers Geburtsort Nackenheim, und der Besucher sollte gleich mit seiner Eintrittskarte eine Flasche Wein bekommen. Da wird getrunken, gesungen, getanzt und geliebt, bis das Ziel erreicht ist: Vier Frauen kriegen den Mann, vier Männer die Frau, die sie haben wollten. Dabei gibt es ein paar heftige Situationen und ein paar deftige Vokabeln.

Daß es ausgerechnet im Berlin der zwanziger Jahre einen sexuellen Nachholbedarf gegeben haben sollte, widerspricht allem, was uns bekannt ist.

Der Erfolg erklärt sich wohl daraus, daß die Leute dieses Oh-Mensch-Pathos des Expressionismus leid waren. Zuckmayer sagte damals selber: Es hing mir zum Halse heraus. Berlins einflußreichster Theaterkritiker, Alfred Kerr, verteidigte "den Spaß": "weil er das Theater heute vielleicht von dem hemmungslosen Literatenmist rettet - von der anspruchsvollen Unmacht, von dem sabbernden Chaos".

Aus Klugheit wie aus Neigung blieb der "fröhliche Winzer" ein paar Jahre lang dem "Volksstück" treu. Er schrieb von dem Robin Hood des Hunsrücks, "Der Schinderhannes" und von der Geschichte einer Zirkusfamilie, "Katharina Knie". Und 1931 gab es einen neuen Volltreffer: "Der Hauptmann von Köpenick". Die Dramatisierung der verzweifelten Heldentat des armen Schusters, der in Hauptmannsuniform sich die Stadtverwaltung von Köpenick gefügig macht, hat sich als Zuckmayers strapazierfähigstes und langlebigstes Stück erwiesen.

Es wird ja gerade jetzt wieder in Berlin mit Erfolg gespielt.

Es kam das Jahr 1933. Zuckmayer konnte sich zunächst nach Österreich zurückziehen. 1938 rettete er sich nach Chardonne am Genfer See.

1939 flüchtete er weiter, über Kuba in die USA. Dort wurde er schließlich in der "Backwood's-Farm" im Staate von Vermont seßhaft.

Im Herbst 1942 erreichte ihn dort die Nachricht, daß sein Freund, der Flieger Ernst Udet, schon im November 1941 tödlich verunglückt war. Noch in Amerika schrieb er das Drama von einem, der ein Flieger bleiben wollte, und sei es unter Hitler. Hier spüren wir es ganz deutlich, und merken es dann auch in anderen Stücken, wie sehr Zuckmayer sich mit seinen Figuren identifizierte. Immer wieder stellte er sich die Frage: Wie hätte ich mich wohl in Deutschland verhalten, wenn ich nicht als Sohn einer Jüdin geboren worden wäre?

Er kehrte nach Deutschland zurück, sobald er konnte. Im Dezember 1946 wurde "Des Teufels General" in Zürich, ein Jahr später auch in Hamburg aufgeführt. Wenn ein Theaterstück um so besser ist, je länger man darüber streiten kann, dann ist dieses Zuckmayers bestes - das letzte, das er vor der für einen Dramatiker kritischen Altersgrenze geschrieben hat.

Wir haben seine Lyrik ganz ausgelassen und auch seine zum Teil recht liebenswerten Erzählungen. Denn wenn Zuckmayer in der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts eine Rolle gespielt hat, dann als Dramatiker und sei es auch nur, weil er da keinen Konkurrenten hat, der auf seinem Feld ähnlich reich gesät und geerntet hätte.

Außer Brecht, natürlich. Es war daher auch lange üblich, die beiden, die einander übrigens gut kannten und meistens mochten, gegeneinander auszuspielen.

Ich habe oben das Wort "liebenswert" gebraucht, als wäre es ein Kriterium, das Gewicht hat. Nun muß ich gestehen: Ich halte es dafür, denn wir haben so wenig davon. Zuckmayer war ein Mann von wohltuender Güte, liberaler Großzügigkeit und bisweilen auch von ansteckender Heiterkeit. Es werden sich Ausnahmen finden lassen.

Aber die Regel gilt: Keiner, der ihn persönlich kannte, haßte ihn. Er wurde geliebt von den Schauspielern, weil er Rollen für Menschen schrieb. Er wurde hoch geachtet von Regisseuren, die gern mit ihm zusammenarbeiteten. Und seine Leser, sein Publikum?

Auch wenn die keineswegs immer alles von ihm gut fanden (zum Beispiel das Stück "Die Uhr schlägt eins" nicht, zum Beispiel den Fernsehfilm "Die Fastnachtsbeichte" nicht): Sie fühlten sich noch im Widerspruch verstanden, unterhalten, belehrt. Ich war Publikum. (Ausstellung bis zum 8. Dezember. Katalog 32,- DM, zu bestellen beim Deutschen Literaturarchiv, Postfach 1162, 71666 Marbach am Neckar.)

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service